Peter Pan und das erwachsene Leben

Lesedauer ca. 23 Minuten

Peter Pan und das erwachsene Leben

In diesem Beitrag soll eine mögliche Sichtweise vorgestellt werden, mit der man das eigene Leben aus einem bewussteren Blickwinkel betrachten kann. Vor allem im Hinblick auf das Erwachsenwerden und Heranreifen. Gültig für jede Person, unabhängig von Alter und Geschlecht. Die Grundlagen liegen dabei in der Geschichte von Peter Pan, dem Jungen der nicht erwachsen werden will. Zuerst werden wir uns mit dem Baukasten des menschlichen Daseins vertraut machen. Da es sich bei Peter Pan um eine Geschichte handelt, werden wir auch herausarbeiten weshalb Geschichten und Metaphern gewinnbringende Methoden bei der Problemlösung sind. Sowohl in der Psychotherapie wie auch im privaten Rahmen. Anschließend schauen wir uns Peter Pans Geschichte an und interpretieren diese. Die Interpretation soll uns dann helfen im eigenen Leben neue Impulse zu generieren. Der Beitrag ist angeregt durch einen Unterrichtsausschnitt von Jordan B. Peterson. Ich habe ihn aufgegriffen und diesen um meine Gedanken erweitert. Hier geht es zum Unterrichtsausschnitt (Anmerkung: Du verlässt die Seite des Blogs und wirst zu Youtube weitergeleitet).

Der Mensch und sein Baukasten

Jedes Leben ist einzigartig, von der Wiege bis in die Barre. Und kein Leben ist mit dem Leben einer anderen Person vergleichbar. Jeder Mensch hat von Geburt an seinen eigenen „Baukasten„. Man könnte sagen es entsteht eine einzigartige Komposition von Umweltbedingungen im Leben eines Menschen und dem was ein Mensch von sich aus auf die Welt mitbringt. Doch das war es noch nicht. Denn bis zu Letzt ist der Baukasten eines Menschen wandelbar. Jedoch heißt es nicht umsonst „Baukasten“, da der Wandel eben nur innerhalb der Grenzen eines Kastens möglich ist. Das Thema der Begrenzung wird später im Beitrag noch wichtig sein.

Beispiele für verschiedene Baukästen:

  • Die eine Person kommt gesund zur Welt und bringt enormes Potential mit. Sie kriegt jedoch Schwierigkeiten in der Schule und Studium, da die Ressourcen für Bildung fehlen (ein Artikel zu diesem Thema findest du hier). Die Person absolviert zuerst eine Ausbildung, um Jahre später mühselig ein Studium nachzuholen.
  • Eine andere Person kommt mit einer Autoimmunerkrankung zur Welt und hat außerordentlich liebevolle Eltern, die alles für die Person tun würden. Dennoch bleiben ihr einige Erfahrungen im Leben verwehrt, aufgrund ihrer gesundheitlichen Kondition.
  • Eine weitere Person lebt ein perfektes Leben. Zumindest das was man unter dem oberflächlichen Begriff „perfekt“ versteht. Sie hat ein Haus, finanzielle Unabhängigkeit und ist in der Gesellschaft eingebunden. Sie verliert in den besten Jahres ihres Lebens ihren/seinen Lebenspartner:in und entwickelt eine schwere depressive Episode. Sie wird aus dem Leben gerissen. Es folgt eine achtwöchige stationäre Psychotherapie. Danach folgt eine ambulante Langzeittherapie mit einem Suizidversuch. Es dauerte Jahre bis die Person wieder ansatzweise ein „normales“ Leben führen konnte.

Das menschliche Leben ist komplex. Die Darstellungen hier sind stark vereinfacht. Die Kombinatorik an Konstellationen ist unendlich und kann hier nicht ausreichend abgebildet werden. Der Einfachheit halber möchte in den Begriff „Baukasten“ nutzen. Die Verteilung von Ressourcen, zwischenmenschlichen Beziehungen, Aufstiegschancen, Gesundheit, Infrastruktur usw. sind verschieden verteilt in der Gesellschaft. Und manchmal entstehen Asymmetrien. Ein Mensch baut in der Regel innerhalb dieses Baukastens das bestmögliche Leben für sich aus.

Die existenziellen Themen im Leben eines Menschen

Auch wenn wir uns in vielerlei Hinsicht in unseren Baukästen stark voneinander unterscheiden, gibt es allgemeine Themen in denen wir uns wieder sehr ähnlich sind. Eine Art „Substanz“ die uns als Menschen kennzeichnet und das Leben eben so erlebbar macht. Man könnte sagen, dass es zu bestimmten Lebensabschnitten übergeordnete Themen gibt, mit denen sich ein Individuum befassen wird. Dabei variiert der Zeitpunkt von Mensch zu Mensch und Thema zu Thema. Zum Beispiel tauchen Gedanken an Tod und Vergänglichkeit eher in Situationen auf in denen wir einen geliebten Menschen verlieren oder selber erkranken. Die Bandbreite der übergeordneten und existenziellen Themen ist vielfältig. Es folgen einige Beispiele:

  • Verantwortung
  • Der eigene Tod
  • Vergänglichkeit im Allgemeinen
  • Beziehung zu sich und zu anderen
  • Einsamkeit
  • Umgang mit Freiheit
  • Identität
  • Sinnhaftigkeit
  • …und noch weitere Themen.

In diesem Beitrag soll es darum gehen mit der Analogie von Peter Pan eine allgemeine Idee zu entwickeln das eigene Leben anders zu betrachten und vielleicht stellenweise hinsichtlich einer erhöhten Reife zu verändern. Vor allem die Themen Aufopferung und Vergänglichkeit werden uns hier im Beitrag begegnen.

Doch zuvor sollten wir erstmal ein grobes Verständnis dafür entwickeln warum Metaphern, Parabeln und Geschichten ein möglicher Weg sind mit diesen allgegenwärtigen Themen umzugehen. Und warum Peter Pan eine passende Analogie für diese existenziellen Themen sein kann.

Der Wert von Metaphern, Geschichten und Parabeln

Nicht selten spreche ich mit Patient:innen über ihre Anliegen,  indem ich Metaphern, Geschichten und Parabeln (oder Bilder) nutze. Gerade bei Patienten, die schwere Schicksalsschläge erlitten haben oder chronisch unter etwas leiden und sich mit dem Leid sehr identifizieren, kann dies hilfreich sein. Aber auch im privaten Rahmen kann es sich als sehr hilfreich erweisen. „Doch wozu“ könnte man jetzt einwerfen. 

Geschichten

Das Erzählen von Geschichten ist tief in uns Menschen verankert. Unsere Vorfahren haben sich schon damals am Lagerfeuer Geschichten erzählt. Sie decken gleich mehrere Funktionen ab:

  • Wichtige Informationen aus der Vergangenheit in die Gegenwart überliefern. Zum Beispiel geschichtliche Ereignisse von einer zur nächsten Generation weitergeben.
  • Aktuelle Themen in der Gegenwart austauschen und dadurch Neues schaffen.
  • Zur Unterhaltung. Eigentlich sind Netflix und Co. nichts anderes als moderne Versionen der abendlichen Lagerfeuergeschichten.
  • Zur Motivation. Wir wissen selber wie z.B. die Biografie eines andere Menschen in uns eine intrinsische Motivation auslösen kann.  
  • Zur Verstärkung der Gruppenkohäsion. Geschichten stärken die Beziehung der Mitglieder untereinander.
  • Vereinfachung von komplexen Zusammenhängen. Hier lässt sich wohl auch der Beitrag am besten einordnen.

Metaphern und Parabeln

Auch Metaphern und Parabeln haben sich in der Evolution durchgesetzt. Der moderne Mensch ist durch seinen Neokortex in der Lage sich vor dem geistigen Auge eine Bild oder eine Szene vorzustellen, ohne dass er oder sie dabei aktiv die Szene im Außen erlebt haben muss.

Die Zitronen-Übung:

Stell dir für eine Minute – vor deinem geistigen Auge – eine Zitrone vor. Stell dir vor, wie du sie berührst, sie drückst, an ihr riechst, sie mit einem Messer schneidest und zuletzt herzhaft in sie beißt. Du spürst wie stark du auf sie reagierst. Du verziehst dein Gesicht, vielleicht kommen dir die Tränen, es sammelt sich Speichel in deinem Mund. Sie ist total sauer!

Das ist eine Übung zur Demonstration des Zusammenhangs zwischen einer Vorstellung und dem tatsächlich Erlebten. Dies ist eine typische Übung aus der Verhaltenstherapie. Manche Patient:innen berichten, dass sie anschließend nach der Übung tatsächlich vermehrten Speichelfluss bei sich beobachten können. Doch der größte Teil berichtet den sauren Geschmack der Zitrone geschmeckt zu haben. Und das alles passiert über die bloße Vorstellung. Zu keinem Zeitpunkt wurde „in echt“ in die Zitrone gebissen. Trotzdem reagieren wir körperlich auf diese Vorstellung.

Dementsprechend könnten die oben genannten Techniken genutzt werden, um sich den eigenen Hindernissen im Leben zu nähern. Es ist eine schonende Idee neue Blickwinkel zu gewinnen und  Handlungsspielräume zu eröffnen.

Stellen wir uns eine Person vor, die stark von den inneren Worten „ich kann nichts mehr“ überzeugt ist. Der Fokus ist hier limitiert und das Bewusstsein ist eingeengt auf diese innere Aussage. Genauer: Auf die immer wiederkehrenden inneren Worte in Form von Gedanken. Im therapeutischen Rahmen kann man mit einigen Patient:innen darüber disputieren und eine Lockerung hinsichtlich der Überzeugung erzielen. Bei anderen Patient:innen bleiben diese Gedanken hartnäckig bestehen. Hier wäre der richtige Moment der Person eine Metapher oder eine Geschichte anzubieten.

Die Spielplatz-Metapher:

Wir versetzen uns in die Position der Person, die „nichts mehr könne„. Das heißt wir werden kurz zu der Person.

Stell dir vor deinem inneren Auge (d)ein Kind vor, deine Cousine oder deinen sechsjährigen Neffen. Oder ein Mensch, der dir wirklich wichtig ist. Ihr seid auf einem Spielplatz. Er oder sie schaukelt. Du kannst auch sehen wie du auf einer Bank daneben sitzt und dein Kopf schwer in denen Händen liegt, während du dir innerlich sagst „ich kann nichts mehr“. Du schaust auf den Boden. Plötzlich hörst du einen lauten Knall, es folgt ein lauter Schrei. Das Kind ist von der Schaukel gefallen. Es liegt auf dem Boden und weint. Dein letzter Gedanke war eben noch „ich kann nichts mehr“. Was tust du jetzt? Schaffst du es aufzustehen, um dem Kind Trost zu spenden? Oder kannst du das gerade nicht?

Ich mache diese Übung gelegentlich mit Patient:innen. Egal wie schwer betroffen Patient:innen durch ihre Symptome sind, in den meisten Fällen entscheiden sie sich dafür aktiv zu werden und das Kind in der Vorstellung zu trösten. Durch dieses konstruierte Bild konnten wir also einen Handlungsraum entdecken, der vorher durch die ausschließliche Fokussierung auf die inneren Gedanken im Verborgenen geblieben wäre.

Der Witz hinter dem Mechanismus

Es wird angenommen, dass es durch Metaphern, Geschichten und Bilder – im Gegensatz zu Worten – zu einer anderen kortikalen Aktivierung kommt. Mit anderen Worten: Wir unterwandern die Sprache („ich kann nichts mehr“) durch generierte Bilder. Dadurch können – wie oben erwähnt – neue Ideen und Handlungsspielräume entstehen. Wir steigern die kognitive Flexibilität. Nicht umsonst heißt es „Bilder sagen mehr als tausend Worte„, weil sie sich eben der Semantik der Sprache entziehen können.

Wir wissen aus der therapeutischen Praxis, dass die mentalen Repräsentationen in Form von Worten und Gedanken häufig mit psychiatrischen Symptomen im Zusammenhang stehen.

Für ein besseres Verständnis dieses Sachverhalts folgt ein willkürlich konstruiertes Alltags-Beispiel:

„Wenn ich mich bewerbe, werde ich  bestimmt abgelehnt.“

Alleine die Worte lösen eine Vorstellung aus, die wiederum einen Einfluss auf das Gefühl, die Wahrnehmung und das Verhalten haben können. Im Allgemeinen bedingen sich Gefühle, Gedanken, Verhaltensweisen und Körpersensationen gegenseitig in Wechselwirkung. Das heißt dieser Satz kann Unwohlsein bis Angst auslösen. Er könnte für einen erhöhten Herzschlag und mehr Schweißbildung sorgen. Auch das eigene Verhalten kann sich verändern. Beispielsweise ist die Person dadurch zurückhaltender und spricht weniger. Und diese beschriebenen inneren und äußeren Ereignisse könnten wieder Einfluss auf das Gedankengut haben. Ein Teufelskreis kann entstehen.

Die Quintessenz

Die Quintessenz ist also, dass wir durch Parabeln, Geschichten und Metaphern in die Lage versetzt werden, flexibler auf ein Problem einzugehen, weil wir uns eben nicht nur auf unsere Worte und Gedanken versteifen und uns in ihnen verlaufen. So kann der Teufelskreis leichter durchbrochen werden. Wir sind weniger mit diesen Gedanken fusioniert, da es nicht das „direkte“ Problem ist, sondern das Problem in der Parabel oder Geschichte. Das ermöglicht eine gewisse emotionale Distanz. Man kann das Problem auf einer Meta-Ebene betrachten und ist weniger persönlich identifiziert. Ist dann eine mögliche Lösung gefunden, fällt der Übertrag auf das eigentliche Problem meist leichter. Es ist also ziemlich lohnenswert in Bildern zu denken. Und glaub mir, davon gibt es im Alltag genügend. Probiere es beim nächsten Mal gerne selber aus.

Da wir nun wissen wie hilfreich Geschichten, Metaphern und Parabeln sein können, ist es an der Zeit sich den Baukasten von Peter Pan anzuschauen. Denn auch Peter Pan ist und hat eine Geschichte.

Der Baukasten von Peter Pan

Märchenfabrik Walt Disney

Als Kind habe ich mir gerne Filme von Walt Disney angeschaut. Einige Filme faszinieren mich heute noch. Die perfekten Lagerfeuergeschichten. Sie gaben mir häufig die Möglichkeit in fremde Welten abzutauchen. So konnte ich mich von meinem Alltag distanzieren. Die Musik war märchenhaft. Die Geschichten haben mich bewegt. Die Hauptfiguren mussten sich häufig ihren Problemen und Ängsten stellen, um anschließend über sich hinaus zu wachsen. Häufig kamen die Figuren dann reifer und gestärkt von ihrem Reisen zurück. Das hat mich stets motiviert. Welches Kind hätte das denn nicht motiviert?

Ein Film ist mir über die Jahre dabei sehr hängen geblieben. Es handelt sich um Peter Pan. Ich nutze die Geschichte – und die dazugehörige Analogie – heute gelegentlich in meinen Sitzungen. Gerade wenn Patient:innen in einer Sackgasse stecken, stagnieren und den Eindruck haben nicht wirklich aktiv am Leben teilzunehmen.

Wie ist es Peter Pan zu sein?

Peter Pan ist ein äußerst besonderer Junge. Er ist der einzige im Niemandsland, der nicht erwachsen werden möchte. Der Name „Pan“ ist dabei nicht zufällig gewählt. Der Pan ist im Ursprung ein Gott in der griechischen Mythologie. Er ist halb Mensch und halb Ziege. Er stellt den vollkommenen und unbefleckten Menschen dar. Fern ab von Erziehungsmaßnahmen und zivilisatorischem Denken. Somit ist Peter Pan alles und  nichts zugleich. So sind Kinder nun mal, alles und nichts zugleich. Kinder sind magisch, sie sind pures Potential im Raum.

Doch warum möchte Peter Pan nicht erwachsen werden? Wieso hält er am Kindsein fest? Um Peter Pans Baukasten besser zu verstehen, müssen wir uns seine umgebenden Bedingungen anschauen. 

  1. Peter Pan lebt in einem surrealen Land, welches nicht mal richtig existiert, das Niemandsland. So sagt es schon der Name.
  2. Er ist der Anführer der „Lost Boys“. Einer Bande bestehend aus Kindern
  3. Die Erwachsenen um ihn herum haben keinen besonders anzustrebenden Modellcharakter. Sie sind für ihn keine Vorbilder. Sie erwecken eher den Eindruck mit ihrem erwachsenen Leben nicht wirklich zurecht zu kommen. Bei solchen Vorbildern kann man nachvollziehen, dass Peter Pan sein kindliches Potential nicht aufopfern möchte.
  4. Ganz speziell geht es mir bei den erwachsenen Personen um Captain Hook. Einen unausgeglichenen Piraten, der auf den Meeren herumirrt. Welches Kind möchte gerne freiwillig wie Captain Hook sein? Hook hat einen Haken anstatt einer Hand. Er ist ein traumatisierter Griesgram, der als Bewältigungsstrategie das Streiten mit Kindern wie Peter Pan nutzt. Wohl oder übel hat Captain Hook für Peter Pan einen Bezugspersonen-Charakter. Zu dem wird er von einem „Chaos Drachen“ in Form eines Krokodils verfolgt. Einem Krokodil, welches eine Uhr verschluckt hat. 
  5. Durch die Entscheidung nicht erwachsen werden zu wollen, verliert er eine potentielle Beziehung zu Wendy. Einer jungen Dame, die über erwachsene Themen wie z.B. einer Familiengründung nachdenkt. Sie Akzeptiert – im Gegensatz zu Peter Pan – ihre Reife und Sterblichkeit.
  6. Stattdessen hängt er mit einer Fee namens Tinkerbell ab. Auch sie existiert genau so wenig wie das Niemandsland. Sie ist eine Art „Substitut der Realität“ und gibt ihm ein gutes Gefühl.

Es gibt also einige gute Gründe, weshalb es Peter Pan schwer fällt sich für ein erwachseneres Leben zu entscheiden. Im nächsten Schritt schauen wir uns an, was wir dennoch aus Peter Pans Leben lernen können.

Was wir von Peter Pan lernen können

Einerseits kann man Peter Pan in seiner Entscheidung ein Kind bleiben zu wollen gut nachvollziehen. Anderseits bringt diese Entscheidung folgenschwere Konsequenzen für das weitere Leben mit sich, die wir uns im weiteren Verlauf anschauen wollen. Hier kommen unsere übergeordneten Themen „Aufopferung“ und Vergänglichkeit“ zur Geltung.

Der Sachverhalt unterliegt gewissermaßen einer Dichotomie, also einem „entweder-oder“. Dem Konflikt von Kindsein vs. Erwachsensein. So wirkt es zumindest im ersten Moment. Bei genauerem Nachdenken wird sich zeigen, dass sich das Kindsein und die Entscheidung erwachsen zu werden, nicht unbedingt ausschließen müssen. Aber eins nach dem anderen.

Aufopfern des kindlichen Potentials [Aufopferung]

Reif und erwachsen werden geht einher mit dem Aufopfern des kindlichen Potentials. Dazu ist Peter Pan nicht bereit. Er möchte keine Verantwortung in dieser Hinsicht übernehmen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es eben keinen überzeugenden Anreiz gibt. Wenn man sich mal die Erwachsenen „auf der anderen Seite“ anschaut. Und auch der Anführer einer Kinder-Bande zu sein, ist im ersten Moment eine tolle Position von der man nicht abweichen möchte.

Du erinnerst dich, das kindliche Potential besteht nun mal darin, dass Kinder alles und nichts zugleich sind. Anstatt alles und nichts zu bleiben, hätte Peter Pan sich entscheiden können „etwas“ zu werden. Um aber etwas zu werden, muss man beginnen sich zu definieren und das „alles und nichts“ zu opfern. Bekannterweise schließen Definitionen auch alles andere um sich herum aus. Denn jede Entscheidung für etwas, führt auch zu einer Entscheidung gegen etwas. Hier zeichnet sich die Aufopferung ab. Man kann im Leben nicht alles haben. Das ist zutiefst menschlich. Der Mensch unterscheidet sich nun mal von übermächtigen Wesen und Göttern durch die Tatsache, dass er begrenzt ist. Das kindliche Potential wird geopfert und es fallen vorerst einige Möglichkeiten weg. Im Tausch bekommt man provisorisch den aktuellen Zustand der Gegenwart. Das kann im direkt vergleich -zumindest temporär – ziemlich mager ausfallen. Eine berechtigte Frage wäre jetzt: „Warum zur Hölle sollte man so viel Potential für eine begrenztes Dasein in der Gegenwart aufopfern?“. Wirkt im ersten Augenblick nicht besonders lukrativ. Es folgenden weitere Gedanken, die für Peter Pan folgeschwere Konsequenzen haben könnten, wenn er in seiner Position verharrt. Aufmerksame Leser:innen werden ihre Schlüsse daraus ziehen können.

Früher oder später werden wir alle in unserem Dasein begrenzt. Auch Peter Pan. Das ist der Lauf der Dinge. Ob man das selber persönlich möchte oder nicht. Die wichtige Implikation kommt jetzt: Es macht einen Unterschied, ob man sich bewusst für einen bestimmten Lebenswandel entscheidet, oder früher oder später in seinen 30ern oder 40ern Jahren vom eigenen Leben überrumpelt wird und das Leben für einen entscheidet wie es für einen weiter geht. Du entscheidest auf welchem Wege du mit der Begrenzung – die ein Leben als Mensch mit sich bringt – umgehen möchtest. Die letztere Variante kann einem schon hart ins Gesicht treffen und umhauen. Gerade das ist der Witz des Peter Pan. Durch den Wunsch des „ewigen Kindes“, können das Aufopfern aufgeschoben und die miesen Momente in den 40ern vermieden werden. Dafür entgeht ihm aber auch die vollkommene Gänze des Lebens. Denn Kind sein ist eine von vielen Facetten, wenn es darum geht gelebt zu haben.

Man könnte nach dieser Idee also annehmen, dass Aufopferung ein fester Bestandteil für das Erwachsenwerden ist. Peter Pan könnte sich als erwachsene Person z.B. aussuchen wo er leben möchte, wie er sein Geld verdienen will und mit welcher Lebenspartner:in er seine Tage verbringen möchte. Und es macht zu irgendeinem Zeitpunkt durchaus einen gewaltigen Unterschied, ob man mit 23 Jahren oder mit 45 Jahren sagt, dass man „noch nicht genau weiß was man von seinem eigenen Leben erwartet„.

Wenn du 23 Jahre alt bist, sagen die meisten Personen um dich herum „Ach, du bist doch noch jung, lass dir Zeit„. In diesem Alter haben wir womöglich noch den Anspruch das vollkommene kindliche Potential beizubehalten und uns nicht zu entscheiden. Mit 45 Jahren sagt das wahrscheinlich keiner mehr zu dir und die Lage wird kritischer, da man sich die letzten Jahre womöglich für nichts entschieden und nur wenig selber weiterentwickelt hat. Man ist in seinem altbekannten Status geblieben. Man könnte mit sich selber hart ins Gericht gehen und sich fragen „was hast du die letzten 22 Jahre eigentlich gemacht?“ Die Antwort sollte bestenfalls nicht „ich hatte keine Ideen“ lauten. Jetzt bist du 45 Jahre alt und hast weiterhin keine Ideen wohin es mit dir gehen soll. Kein schöner Tag im Leben eines Menschen. Man ist wie ein gealtertes Kleinkind.

Doch woran liegt es, dass wir früher oder später automatisch in unserem Leben begrenzt werden? Die Antwort lautet Vergänglichkeit. Wie gesagt, Peter Pan versucht sich mit seiner „Für-Immer-Jung-Aussage“ gegen Aufopferung und Vergänglichkeit zu immunisieren.

Das Krokodil und seine Uhr [Vergänglichkeit]

Captain Hook wird als erwachsener Mann wiederkehrend von einem Krokodil verfolgt. Das besondere an diesem Krokodil ist, dass es eine tickende Uhr verschluckt hat und sie in seinem Bauch liegt. Ein bezeichnendes Bild.

Das Krokodil steht für einen potentielle Verfall, der nach erwachsenen Personen Ausschau hält. Vor allem nach den Personen Ausschau hält, die besonders anfällig sind. Captain Hook passt da ganz gut ins Beuteschema. Er ist zwar erwachsen, aber unzufrieden. Und unzufriedene Menschen schmecken dem Krokodil besonders gut.

Unabhängig vom Krokodil, ist der Mensch alleine schon durch eine biologische Komponente zu Verfall und zur Vergänglichkeit determiniert. Abnutzungserscheinungen und Nekrose (Zelltod) sind feste Größen in der Natur. Alles was lebt, stirbt auch eines Tages. Wer sich für ein erwachsenes Leben entscheidet, akzeptiert in den meisten Fällen auch dieses Naturgesetz. Man schaut dem Chaosdrachen damit direkt ins Gesicht. Angst vor dem Krokodil zu haben, könnte ein Hinweis darauf sein, dass man sein Leben nicht nach bestem Gewissen innerhalb des Baukastens gestaltet hat.

Das Symbol der Uhr spiegelt in dieser Parabel die Vergänglichkeit wider. Ein Typische Symbolik in Film und Literatur. Eine Uhr ist ein mathematisch angelegtes Instrument, welches versucht den Beginn und das Ende von Zeit in einem definierten Intervall zu operationalisieren. Dazu gehört auch fest das Konzept der Vergänglichkeit. Alles ist vergänglich. Das Treffen mit deinem besten Freund, der Film den du schaust, sogar die Lesesession dieses Blogeintrags. Mit einer Uhr kannst du messen wie lange dieses Event anhielt. 

Captain Hook verkörpert einen Menschen der vergänglich ist. Genau so wie du und ich vergänglich sind. Die Zeit läuft ihm davon. Das vordefinierte Intervall ist die erwartete Lebenszeit. Im Fall des Captain Hook wird er immer wieder durch die Präsenz des Krokodils an seine Vergänglichkeit und seinen Zerfall erinnert. Da wir als Menschen der Zeit unterliegen, könnte man auch drastisch formulieren, dass das Krokodil immer ein Stück von uns in seinem Bauch hat. Diese Tatsache ist eine wichtige Erkenntnis, die zum Erwachsenwerden dazu gehört. Erst durch das Bewusstmachen der eigenen Limitation und Sterblichkeit beginnt man das Tick Tack der Uhr zu hören und bewusster zu leben. Die Zeit ist wohl die kostbarste Währung des Menschen. Ihr Forderung an dich ist, dass du das Bestmögliche aus deinem Leben machst. Wenn nicht, wird sie dich mit Haut und Haaren fressen. Manchmal hat die Zeit nur Appetit auf dein Dasein und manchmal wird sie dich lebendig an einem Stück verspeisen wollen. Je nach dem wie das Leben grade spielt und wie du damit umgehst.

Das Sanduhr-Modell

Die bisherigen Beschreibungen aus dem vorherigen Kapitel lassen sich alle im Modell einer Sanduhr integrieren. Dafür teilen wir die Sanduhr in drei Abteile ein. Der obere Kolben, der Hals und der untere Kolben. Normalweise fließt der Sand von oben nach unten. Beide Kolben sind rund und breit, während der Hals eng ist. Eine typische Sanduhr halt.

Der obere Kolben

Das kindliche Potential staut sich im oberen Kolben. Dieser Bereich der Sanduhr ist alles und nichts zugleich. In diesem Bereich befindet sich das Niemandsland und seine Bewohner:innen. Auch Peter Pan. Dies ist auch völlig normal, weil die Bestimmung eines Kindes eben ist „Kind zu sein“. Es kann sich und seine Potentiale kennenlernen. Es soll spielen, die Welt begreifen und zwischen sich und der Welt differenzieren lernen. Zu diesem Zeitpunkt ist noch nichts definiert. Alles ist möglich. Alles ist frei flottierend. Alles ist undefiniertes Potential. 

Der Hals

Der Hals der Sanduhr ist – im Vergleich zu den beiden Kolben – ziemlich schmal. Das ist der Bereich, den Peter Pan verweigert, in dem er ewig Kind sein möchte. Dieser Engpass ist jedoch essenziell, wenn man Erwachsen werden möchte. In diesem Abschnitt treffen Menschen wichtige Entscheidungen für ihr Leben. Hier findet Training, Ausbildung und Studium statt. Es kristallisieren sich Werte heraus. Es werden stabile und tragfähige zwischenmenschliche Beziehungen etabliert. Es wird über Existenzgründung nachgedacht. Heiraten, Kinderplanung sind im Gespräch. Oder auch die bewusste Entscheidung keinen Nachwuchs zu zeugen.

Im Hals der Sanduhr spezialisieren wir uns und eigenen uns Kompetenzen für das ganze Leben an. An dieser Stelle entscheiden wir uns aus der unendlichen Auswahl an Möglichkeiten für nur eine Hand voll an passenden Alternativen. Wir entscheiden uns für eine Berufung und verwerfen alle anderen Möglichkeiten. Das ist Aufopferung. Hier sterben vielleicht Träume und gleichzeitig entstehen greifbare Lebenspläne. Wir beginnen uns zu definieren und bilden ein stabiles Selbst aus. Weit weg von „alles und nichts“. Eine andere Art von Potential entsteht in diesem Bereich. In Form von Fertigkeiten und Kompetenzen. Es ist zu Beginn nur verdammt unangenehm sich selbst in diesem Bereich auszuhalten, da wir kurzfristig massive Restriktionen spüren werden. Definition kostet Kraft, ist fordernd, versetzt uns in Anspannung und lässt uns manchmal nicht schlafen.

Der Hals steht also symbolisch für die Aufopferung des breiten runden Raums, in dem Fall dem kindlichen Potential. Hier entsteht die natürliche Begrenzung. Hier wird ein Mensch vom „alles und nichts“ zu einem „Etwas“. Und dazu ist Peter Pan eben (noch) nicht bereit.

Der untere Kolben

Der untere Kolben der Sanduhr ist wieder breit und rund wie der obere Kolben. Er steht für die Entdeckung und Wiedererlangung von Potentialen. Zum einen die Fertigkeiten und Kompetenzen aus dem eben oben genannten Absatz. Zum anderen werden auch Teile der kindlichen Potentiale wiederentdeckt. Denn in jedem Erwachsenen wird immer ein Stück Kind stecken. Wenn ein Mensch im oberen Kolben seine kindlichen Potentiale entdeckt, kann er einige davon in den Hals-Bereich mitnehmen. Konkret heißt das, dass ein Kind etwas was es interessiert oder es ihm Freude bereitet ernst nimmt und beginnt sich damit langfristig zu beschäftigen. C.G. Jung sagte einst, dass es die Aufgabe eines Menschen ist, in der zweiten Lebenshälfte die kindlichen Anteile wieder zu entdecken. Im unteren Kolben erkennt der Mensch auch seine Vergänglichkeit und Endlichkeit an. Hier wächst der Mensch an sich. Er wird reifer. Es öffnen sich erneut Wahlräume und Freiheitsgrade, die im Hals-Bereich noch undenkbar erschienen.

Es ist zu mutmaßen, dass Peter Pan sich diesen Wandel nicht vorstellen kann. Immer wieder darauf zurück zu führen, dass er keinen Erwachsenen um sich herum hat, der ihm diese Erfahrung näher bringen kann. Aber auch Tinkerbell gibt ihm ein gutes Gefühl. Und Menschen behalten gerne das was ihnen gut tut. Denn „unten im Kolben“ heißt nicht automatisch, dass das Leben „gut“ zu einem ist. Man kann selbstverständlich auf viele Arten erwachsen werden. Nüchtern gesagt: Man kann schließlich als Griesgram mit dysfunktionalen Bewältigungsstrategien ein Leben bestreiten. Für die Zögernden: Mit einem Auge sollte man die Zeit immer im Blick behalten, denn auch wenn man sich für nichts entscheidet, fließen der Sand und die Zeit weiter und befüllt den unteren Kolben.

Therapie im Niemandsland

Hier möchte ich dir ein Beispiel konstruieren, indem gezeigt wird wie Themen – die auch Peter Pan betreffen -sich im therapeutischen Rahmen wiederfinden können.

Das Eigentliche hinter den Symptomen in der Therapie

Jedem Menschen geht es phasenweise „schlecht und gut“ im Leben. Das ist völlig normal. Bei einigen Menschen schlägt das Leben jedoch dermaßen hart zu, dass es bis hin zu einer psychiatrischen Diagnose führen kann. Das wäre auf jeden Fall ein guter Grund sich vor dem Leben zu verkriechen. Doch bevor das passiert, kann es zu psychischen Störungen kommen. Psychische Störungen sind viel mehr als nur „Störungen“. Sie sind häufig der Versuch mit den gegenwärtigen Lebensumständen umzugehen. Man könnte auch sagen, sie sind eine Art „Kompromissbildung“. Die Funktion eines Symptoms führt häufig zum eigentlichen Konflikt einer Person. Was uns wieder zu unseren existenziellen Themen führen könnte.

Ein mögliches Beispiel eines modernen Peter Pan:

Ein 27-jähriger Student geht in Psychotherapie, da ihn der anstehende Uni-Abschluss überfordert. Er berichtet von einem depressiven Syndrom. Gründe warum genau jetzt im Leben die Symptome sich zeigen, gibt es viele. Nicht selten spielen die weiter oben genannten übergeordneten existenziellen Themen eine Rolle und die Symptome geben Aufschluss darüber, dass eine Person sich bald mit einem dieser Themen beschäftigen wird. Was könnten in unserem Beispiel hypothetische Gründe für die Symptome sein?

  • Das Studentenleben neigt sich dem Ende zu, es ist vergänglich. Somit ist auch der Student vergänglich, da das Studium und das Alter des Studenten der selben Uhr unterliegen.
  • Sorgen entstehen, dass die Person sich selbst nicht kompetent genug für die Arbeitswelt einschätzt.
  • Die im Studium entstandenen Beziehungen zu anderen werden sich womöglich umdefinieren. Einige Beziehungen werden sogar unwiderruflich verabschiedet.
  • Womöglich weiß die Person auch nicht wer oder was sie in der Zukunft sein möchte. Es fehlt eine genauere Blaupause zum eigenen Selbst.

Ich weiß, ein relativ konstruiertes und triviales Beispiel. Jedoch nicht aus der Luft gegriffen. Solch eine Situation kann ausreichen, um in einer Person einen massiven Konflikt zu erzeugen. Nicht weit entfernt warten dann auch häufig die Symptome. Gerade wenn man auf kaum Kompetenzen und Resilienz zurückgreifen kann. Peter Pan rettet sich vor solchen Themen, indem er direkt das Erwachsenwerden für sich ausschließt. Unser Student aus dem Beispiel hingegen entwickelt Symptome, bevor er sich damit auseinander setzt. Oder er entwickelt Symptome, um sich derzeit nicht damit auseinander zu setzen. Dabei passiert der Prozess wenig bewusst, unser Student macht das nicht „mit Absicht“.

Die Symptome wandeln sich mit der Zeit

Der Lebensstil in unserer europäischen Kultur ist oftmals geprägt durch Schnelllebigkeit und Konsum. Existenzielle Lebensthemen werden auf später verschoben. Folgen sind dann unter anderem ein fehlendes Bewusstsein für die eigene Endlichkeit und die Vermeidung für das eigene Leben Verantwortung zu übernehmen. Auch wenn ich als Verhaltenstherapeut darauf geschult bin in der Gegenwart eine effiziente Lösung mit dem Patienten für seine Probleme zu erarbeiten, bin ich stark dafür sich gerade für diese fundamentalen Themen viel Zeit zu nehmen (Anmerkung: Auch die Verhaltenstherapie unterliegt – meiner Meinung nach – in größeren Teilen leider der Schnelllebigkeit. Sie soll mit wenig Stunden viele Symptome lindern.). Oftmals lösen sich die zu Anfang berichteten Symptome mit den existenziellen Fragen des Lebens ab. Wer oder was bin ich? Habe ich meine Lebenszeit verschwendet? Bin ich sinnlos? Das macht uns Menschen nun mal so besonders. Wir sind die einzigen Kreaturen auf der Erde, die über ihre Existenz nachdenken.

Vor zwei bis drei Generationen fand die Identitätsbildung und die ersten fundamentalen Fragestellung zur eigenen Existenz in der späten Jugend bis zur Adoleszenz statt. Zu dem war das Leben ein völlig anderes als heute. Vieles war bereits vorgebahnt, einige Fragen sogar schon beantwortet. Das Handwerk der Eltern zu übernehmen war beispielsweise viel selbstverständlicher als heute. Oder es gab rein aus sozioökonomischen Gründen weniger Möglichkeiten. Der Baukasten eines Menschen war damit deutlich „vordefinierter“.

Die Gesellschaft und der einzelne Mensch verändern sich jedoch häufig proportional zueinander. Heute werden jungen Menschen eine Fülle an Wegen und Möglichkeiten suggeriert. Vom dualen Studiengängen und Ausbildungen bis hin zum Influencer-Lifestyle und Projekte pitchen in jungen Start-Ups. Die Auswahl wirkt überfordernd und unendlich. Das erschwert eine Entscheidung immens.

Zurück zum Beispiel des 27-jährigen Studenten:

Auch für den 27-jährigen jungen Mann bietet das Studium Freud und Leid zugleich. Viele Studenten fallen in einen Zustand des „Dauer-Studenten“. Bologna-Vereinbarung hin oder her. Man wird Bewohner:in von „Pleasure Island“. Das zukünftige Ich raubt man sich damit selbst. Man hängt ein Semester ran, jobbt dann in einem Restaurant als Kellner:in (weil man will oder leider auch weil man muss) und die Masterarbeit wird insgesamt 1 1/2 Jahre geschrieben. Was ich sagen will: Der gesellschaftliche Wandelt führt wohl auch dazu, dass die Fragen aus der Jugend und Adoleszenz sich auf den Zeitraum von 20 – 30 Jahren verschoben haben. In der heutigen Zeit ist der Baukasten unscharf und bietet wenig Struktur. Man ist weiterhin alles und nichts und spielt sein Potential nicht aus. Das Leben im Niemandsland wird noch etwas verlängert. Man fühlt sich etwas wie Peter Pan. Das Fatale: Der Zeit und der damit gekoppelten Vergänglichkeit ist es ziemlich egal, ob du dein Potential ausspielst oder nicht. Die Uhr im Bauch des Krokodils tickt weiter. Und genau die Diskrepanz zwischen dem Hören der tickenden Uhr und dem geführten Lifestyle feuerte womöglich die Symptombildung des Studenten an.

Einige Schlussfolgerungen zu diesem Thema, die ich aus der Arbeit mit Patient:innen gewonnen habe, möchte ich dir anbieten.

Was du in deinem Leben tun könntest

Das Niemandsland verlassen

Jeder Mensch steckt voller Potential. Und jeder Mensch macht das Beste aus seinem Leben im Rahmen seiner Möglichkeiten. Wichtig ist, dass wir unser gesamtes Leben nicht im Niemandsland verbringen. Bereut wird bekanntlich später. Doch das muss erstmal erkannt werden. Erst dann holen wir das für uns Beste aus dem Leben heraus. Denn im Niemandsland wirst du kein Erlebnis einer tieferen Existenz vorfinden. Du wirst mit den „Lost Boys“ und Tinkerbells deiner Generation durch das Land ziehen. Vielleicht auch nie den Zweck und Sinn deiner Existenz kennenlernen. In unserem Zeitalter heißt es – überspitzt dargestellt – unzählige Stunden auf Social Media mit den vielen Anderen zu verbringen. Passiv am konsumieren, liken und teilen. Vielleicht sogar Drogen nehmen. Sich zu Hause einsperren, sich in Videospielwelten begeben und nicht mehr aus dem Level raus finden. Oder in den Tag hinein leben. Sich jeglicher Verantwortung entziehen.  Keine feste Tätigkeit haben und strukturlos sein, die Blumen zu Hause verwelken lassen, sich aufhören die Zähne zu putzen und sich nicht mehr bei den Liebsten melden. Weil man sich selber vernachlässigt und die Dinge um einen herum egal werden. Man hört auf zu existieren und ist nicht greifbar, so wie die Bewohner im Niemandsland. Die oben erwähnten Beispiele sind Substitute einer Realität und nicht das eigentliche Leben. Ich schreibe hier nicht über die Phasen des Lebens, in denen nicht mehr viel geht, weil es uns aus bestimmten Gründen schlecht geht. Ich meine eher einen dauerhaften Zustand, der sich eingeschlichen hat. Fast wie eine Lebenseinstellung. Als wäre man mit Captain Hook auf dem Meer unterwegs, nur ohne Kompass. Ignorant, sich und anderen gegenüber. Denn in der Regel gibt es mindestens eine Person in deinem Leben der du wichtig bist. Sich dann im Niemandsland zu verkriechen, macht auch was mit deinen Mitmenschen. 

Ein essenzieller Schritt wäre es anzufangen „etwas“ zu werden. Sich selber und anderen einen Sinn zu verleihen. Es geht im Folgenden darum das eigene Leben spürbar zu machen und es in die Hand zu nehmen. Eben durch die Aufopferung ist es uns Menschen möglich so gut es geht mit der eigenen Vergänglichkeit umzugehen. Es folgen jetzt kurze Impulse wie du dich dem Thema annähern könntest.

Rein in die Sanduhr (die kleinen Dinge im Leben)

Durch die Akzeptanz der eigenen Vergänglichkeit wirst du automatisch mit der Zeit reifer werden. Du wirst lernen den Wert von den kleinen Momenten des Lebens zu schätzen. Wege dahin gibt es viele.

Hier wären ein paar Beispiele:

  • Mach dir klar was du an bestimmten Freund:innen schätzt. 
  • Was liebst du an deiner Partnerschaft?
  • Wann hast du zuletzt deine Verwandten besucht?
  • Wie lange ist es her, dass du eine Person getröstet hast?
  • Welchen Moment am Tag magst du am liebsten?
  • Wie lange ist deine letzte bewusste Pause her?
  • Welcher Aspekt in deinem Job motiviert dich?
  • Wann hast du zuletzt auf deine kindlichen und erwachsenen Bedürfnisse bzw. Gefühle geschaut? Und sind sie dir überhaupt klar?
  • Wieso ist dein Lieblingsessen dein Lieblingsessen und wann hast du es dir zuletzt gekocht?
  • und und und.

Wenn du den Wert dieser Kleinigkeiten bewusst erlebst und schätzen lernst, wird kein Moment mehr wie der andere sein.

Genau so wichtig ist es auch sich einen Plan für die nächste Zeit zu überlegen und sich nicht beirren zu lassen. Es wird genügend Captain Hooks geben, die dir den Eindruck vermitteln werden, dass das Erwachsensein etwas hässliches ist. Doch das ist es nicht. Wenn man ein mal durch den Hals in der Sanduhr gelaufen ist, entdeckt man eine neue Facette der Identität an sich. Diese Facette wäre unmöglich spürbar, hätte man den Weg nicht angetreten. Es folgenden die etwas größeren Dinge, über die du nachdenken könntest.

Die Auseinandersetzung mit den existenziellen Themen (die etwas größeren Dinge im Leben)

Sokrates sagte einst, dass ein Leben über das man nicht nachdenkt, nicht lebenswert sei.

So wäre die logische Schlussfolgerung sich gelegentlich mit dem aktuellen Leben auseinander zu setzen. Nicht pedantisch. Es geht hier nicht um ein Leben wie ein zwanghafter Mönch. Es geht hier um ein gelegentliches interessiertes Hinterfragen der eigenen Lebensführung. Also nicht um die kleinen, sondern über die existenziellen Dinge des Lebens. Es geht darum zwischendurch durchzuatmen in unserer heutigen Schnelllebigkeit. Sich zurück zu ziehen und eine Verabredung mit sich selbst zu vereinbaren. Hilfreiche Fragen könnten zu Beginn folgende sein:

  • Was macht mich im Leben derzeit zufrieden? Und was nicht?
  • Was sind meine wichtigsten Beziehungen in meinem Leben und wie pflege ich sie derzeit?
  • Gibt es noch unausgesprochene Themen zwischen mir und anderen Personen?
  • Wo möchte ich in drei Jahren stehen?
  • Welche Pläne sollte ich besser derzeit beiseite legen?
  • Wie steht es um meinen gesundheitlichen Status? Muss ich da mehr unternehmen? Wie sieht es aus mit Sport, Ernährung und deinem mentalen Ausgleich?
  • In welchem Bereich bildest ich mich gerade fort?
  • Was war mein letzter Beitrag für die Gesellschaft um mich herum? Wann war ich zuletzt der Allgemeinheit dienlich?
  • Was ist derzeit mein Lebensmotto? Wofür stehen meine Taten?
  • In welchem Bereich bin ich gerade ein Vorbild für andere?
  • Wie würden mich meine drei engsten Freund:innen derzeit charakterisieren?
  • …und und und.

Du bist einen großen Schritt weiter, wenn du auf eine dieser Fragen schon mal nicht mit „ich weiß nichts“ oder „ich kann nichts“ antwortest.

Früher oder später wirst du immer bewusster deinem eigenen Leben gegenüberstehen. Weitere Fragen werden dann automatisch folgen. Es wird dir leichter fallen den Fokus auf die existenziellen Themen zu lenken. Der Widerstand vor dem Erwachsenwerden wird sich mit der Zeit verändern.

Umsetzung in unserer heutigen Gesellschaft

Ich bin ein Fan von „was funktioniert“. Theoretisch klingen alle Texte super. Es muss aber auch realistisch bleiben. Und es gibt keine Garantie, dass es funktionieren wird. Jedoch ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, wenn du dir genügend Zeit lässt und immer wieder dran bleibst, dass du wirklich im Leben ankommst. Dass du als erwachsene Person mit einer gesunden Beziehung zu dir selbst im unteren Kolben der Sanduhr ankommen kannst. Dass du keine Angst vor der Aufopferung und der Vergänglichkeit haben musst.

Wir neigen durch unsere gesellschaftlichen Strukturen dazu viel Zeit auf Arbeit und im Konsum zu verbringen. Abends sind wir dann so platt, dass wir todmüde auf die Couch fallen. Wir verfallen dann in einen „Leerlauf“. Dort sind wir im Autopiloten und denken nicht mehr in der Tiefe über uns nach. Auf der Couch warten dann auch Tinkerbell und die „Lost Boys“ auf uns, meist aber erst dann wenn wir diesen Lifestyle zu lange führen. Die Tinkerbells und „Lost Boys“ sehen in jedem Leben anders aus. Bei dem einen ist es die Nacht „durchzocken“, bei der anderen „bisschen am Joint ziehen“ oder im Bett etwas zu lang am Handy surfen. Wie oben erwähnt, sind es Substitute, um gegen den stressigen Tag zu regulieren. Perfekt sind wir alle nicht. Über kurze Zeit können wir sicherlich auch mal mehr arbeiten oder konsumieren. Das ist weniger das Thema. Schlimmer ist es, wenn man in Extreme verfällt. Damit meine ich dauerhaft zu viel zu arbeiten oder zu viel zu konsumieren. Das wäre eher der Lifestyle von Captain Hook. Bei Peter Pan wäre es vielleicht: Sich dem Leben in seiner Ganzheit entziehen. Denn Erwachsen sein heißt einen Plan für sich und für andere zu haben. Über sich und andere nachzudenken und dies auch emotional in sich zu verankern.

Wie soll es also weiter gehen? Vor allem in kleinen Schritten, nicht jeden Tag, aber zumindest ein Mal die Woche. Beispielsweise könntest du anfangen deine Woche zu reflektieren und/oder die neue Woche zu planen. Damit würdest du Sokrates sehr glücklich machen. Und ja, es wird Phasen geben in denen du das nicht mehr fortführen wirst. Dann wieder Phasen in denen du damit beginnen wirst. Alles human. Das Leben ist keine Grade die strikt von A nach B verbunden ist. Das Leben ist wie Bergsteigen – es geht auf und ab. Doch am Ende entscheidest du wo es hin gehen soll, und es sind deine Beine die dich tragen.

Du könntest auch außerhalb der Reflexionsphasen ein erwachsenes Leben führen. Indem du anfängst deine Entscheidungen selbstsicher zu treffen. Keine Pseudo-Entscheidungen mehr, um anderen „Lost Boys“ zu gefallen. Das geht aber nur, wenn du weißt was du vom Leben willst. Manchmal hilft es auch sich einer Person anzuschließen, die gerade in einer ähnlichen Phase steckt. Über allem steht aber das Leben bewusst zu erleben. Es ist uns bleibt eines der effektivsten Mittel gegen das existenzielle Thema der Vergänglichkeit. Auch das Aufopfern hat eine positive Seite. Zuerst wirkt es schmerzlich sich von Vorstellungen und Lebensstilen zu lösen. Im Verlauf des Lebens wirst du jedoch so viele Erfahrungen machen, dass du dir wünscht doch mehr Platz und Zeit für Neues gehabt zu haben. Anstatt an dem Alten festzuhalten. Und alleine schon mit deinem Verhalten und Dasein kannst du dich ein Schritt mehr aus dem Niemandsland bewegen.

Hier sind einige wenige Beispiele:

  • Werde der beste Krankenpfleger, den deine Abteilung zu bieten hat. Irgendwann kannst du dann jüngeren Kolleg:innen zur Seite stehen und Ihnen deine Erfahrung vermittelt. Somit definierst du andere mit. Erinnerst du dich, dass du dich im Hals der Sanduhr selber erstmal definieren musstest?
  • Sei eine verlässliche Klempnerin. Du weißt gar nicht wie vielen Menschen du damit den Arsch rettest. Mache dich selbstständig und sei die Anlaufstelle in deiner Stadt.
  • Sei der liebevollste Vater, den ein Kind je hatte. Du schenkst deinem Kind ein Urvertrauen für’s Leben. Selbst wenn du irgendwann nicht mehr bist.
  • Sei die empathischste Freundin, die ein Mensch je kennengelernt hat. Du hörst zu und bist anwesend. Das bringt meistens mehr als kluge Ratschläge. Gerade in den heutigen Zeiten,  in der das Einsamkeitsgefühl in die Höhe schießt.
  • …kurz: Sei einfach etwas!

Im unteren Kolben der Sanduhr geht es also darum in sich das kindliche Potential und die erwachsenen Kompetenzen zu vereinen. Man wird zu einem definierten Etwas. Du wirst zur besten Version deiner Selbst! Dadurch erreichst du teilweise Daseinsformen, die über die eigene Existenz hinaus gehen. Vor allem durch den Aspekt ein „jemand“ für andere zu werden. Wenn die Taten dann über die eigene Präsenz hinaus gehen, dann verliert man fast vollständig die Angst etwas aufzuopfern. Denn trotz der vielen gebrachten Opfer über die eigene Lebenszeit, haben wir anderen immer noch so viel zu geben. Bis wir irgendwann nicht mehr sind.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.