Psychotherapie aus der Arbeiterschicht

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Psychotherapie aus der Arbeiterschicht

Wozu ein Beitrag zu diesem Thema?

Zu meinem täglich Brot gehört es über die Erlebniswelt von Menschen nachzudenken. Gelegentlich kommt es vor, dass ich retrospektiv auch über mein Gewordensein nachdenke. Phasenweise denke ich darüber nach, ob mein Werdegang einer ist, der für alle Menschen – die aus ähnlichen Verhältnissen wie ich stammen – möglich wäre. Regelmäßig gerate ich bei diesem inneren Dialog in eine kognitive und emotionale Dissonanz.

Mit diesem Beitrag möchte ich allen Menschen Mut machen, die sich auf die Reise machen, eine psychotherapeutische Laufbahn einzuschlagen. In erster Linie richtet sich der Beitrag jedoch an die Menschen, die mit widrigeren Umständen ins Leben starten. An die Arbeiterkinder und Kinder, bei denen die Eltern nicht arbeiten. Die Nicht-Akademiker. An die, die vielleicht die Ersten sind in der Familie mit einem möglichen universitären Studium.

Es folgt ein – stellenweise – ernüchternder Text. Wenn du lieber zu den ermutigenderen Worten springen möchtest, dann klick im Inhaltsverzeichnis auf die Überschrift „Warum es sich lohnt als Nicht-Akademiker-Kind zu studieren“. Wobei es sich auch wirklich lohnt den ganzen Text in seinen Facetten anzuschauen.

Was der Beitrag ist und was er nicht ist

Ich möchte Mut machen und aufklären. Mut machen heißt aber nicht, dass der Beitrag schön wird. Eher im Gegenteil, ich werde stellenweise meinen ganz persönlichen Eindruck schildern. So wie ich meine Realität erlebt habe. Mit einer Bestandsaufnahme des Status quo kann man bekannterweise besser arbeiten. Jedoch: Das Einzelschicksal (in dem Fall meins) ist schwer mit einem Mittelwert einer untersuchten anonymisieren Population innerhalb einer Studie zu vergleichen. Eine andere Person mit ähnlichen Bedingungen hat vielleicht was ganz anderes zu berichten. Deswegen erhebe ich mit den folgenden Worten keinen allgemeinen Anspruch darauf, dass die Dinge „immer so“ sind wie ich sie beschreibe. Es gibt viele Wahrheiten. Einige Zeilen werden auf Zustimmung treffen, andere auf Kritik. So ist das Leben. Wir alle haben Recht. Ein alter jüdischer Witz soll dies verdeutlichen:

Zwei Männer streiten sich darum wer von beiden Recht hat. Sie suchen einen Rabbi auf. Der erste Mann trägt seine Wahrheit vor. Der Rabbi sagt: „Da hast Recht“ Der zweite Mann ist empört und besteht darauf seine Wahrheit vorzutragen. Nach dem Vortrag sagt der Rabbi zum zweiten Mann: „Da hast Recht“. Nun schaltet sich die Frau des Rabbis ein, da sie die Konversation zufällig mitgehört hat. Sie sagt zum Rabbi: „Aber sie können doch nicht beide Recht haben?!“. Der Rabbi antwortet: „Da hast du auch Recht“.

Es ist nicht mein Ziel mich selbst oder andere zu diskriminieren oder zu verurteilen. Es geht mir in dem Beitrag auch nicht darum etwas „aufzuarbeiten“. Dafür gibt es bei Bedarf andere Möglichkeiten. Und zu guter Letzt geht es hier nicht um ein „die da“ und „wir hier“. Das würde nicht zu einem integrativen Miteinander beitragen. Es gibt kein einzelnes Individuum welches dafür verantwortlich gemacht werden kann. Es sind eher die abstrakten Systeme, die wir geschaffen haben. Ich finde jedoch, dass die Themen der fehlenden „Durchlässigkeit“ und Chancengleichheit, bezogen auf ein universitäres Studium, weiterhin aktuell sind. Für eine weitere positive Veränderung brauchen wir eine Sensibilisierung für diese Themen, damit wir uns damit auseinandersetzen können.

Doch wozu? Das kann ich dir sagen. Es gibt viele junge Menschen, die das Potential hätten unsere Gesellschaft zu einem besseren Ort zu machen. Dafür brauchen sie aber Möglichkeiten an diese Position zu gelangen. Ich bin meinen Weg jetzt soweit gegangen und fühle mich abgesichert. Ich habe meinen Frieden geschlossen. Jetzt möchte ich etwas zurück geben an die Menschen, die mit ihrem weiteren Weg unsicher sind. Dafür ist der Beitrag zusätzlich gedacht. Er richtet sich im Schwerpunkt auf den Werdegang zum/zur psychologischen Psychotherapeut:in. Sicherlich werden viele Gedanken einfließen, die sich auf die allgemeine universitäre Situation beziehen. Und es sei dazu gesagt, dass eine universitäre Laufbahn nicht das Non-Plus-Ultra in einer Biografie ist. Es gibt viele andere Lebenskonzepte, die erstrebenswert sind. Der Beitrag bezieht sich jedoch auf den Weg des Studiums.

Durchlässigkeit meint im Zusammenhang mit dem Blogartikel den sozialen Durchbruch von Nicht-Akademikern in eine akademische Laufbahn. Durchlässigkeit ist jedoch keine Einbahnstraße und es sind ebenfalls auch Abstiege möglich.

Aus dem Block zum Notizblock

Wenn du meine „Über mich“ Seite gelesen hast, dann weißt du, dass ich aus keinem elitären Umfeld komme. Die Menschen, mit denen ich aufwuchs, sind in wenigen Fällen auch an die Uni gegangen. Meistens haben sie sich dann für einen wirtschaftlichen Studiengang entschieden. Ingenieur, BWL, die Klassiker, da liegt die Kohle drin. Ein Studium nach der Schule ist aber in unserer Kohorte eher selten gewesen. Das habe ich spätestens beim Klassentreffen gemerkt. Viele von den anderen in meinem Alter haben sich damals einen handfesten Beruf gesucht. Eine Ausbildung absolviert. Büro, KFZ-Mechatronik, Einzelhandel, Pflege und die Müllabfuhr. Fairerweise muss dazu geschrieben werden, dass einige auch keinen Job, geschweige denn einen Beruf gelernt haben oder jetzt Frührentner sind. Einige meiner Bekannten haben in der Zeit kurz vor meinem Studium meinen Weg hinterfragt. „Wieso willst du denn jetzt nochmal lernen gehen? Geh doch lieber Geld verdienen.“ Solche Sätze sind für mich heute nachvollziehbar. Früher haben sie mich wütend gemacht. Ich fühlte mich nicht verstanden.

Heute weiß ich, dass sie häufig aus dem Mund von Nachbarskinder kamen, bei denen die Eltern keinen Job hatten oder Geringverdiener waren. Wenn du wenig hast, dann willst du nicht länger mit der Entbehrung leben. Und wenn, dann nur so lange wie nötig. Ist halt menschlich. Dementsprechend war das Motto vieler meiner Schulfreunde schnell Geld zu verdienen. Legal wie auch illegal.

„Wenn du wenig hast, dann willst du nicht länger mit der Entbehrung leben.“

Auch der Beruf des Psychologen ist für viele nicht greifbar gewesen. Keiner von uns kannte persönlich einen. Nur die aus den Medien. Eher den einen, Herrn Thiel, aus der Oliver Geissen-Show auf RTL, der im Publikum saß. Er war für uns damals cool, er hatte einen Bart und zu den Schicksalen der Gäste etwas zu sagen. Ansonsten war eine gängige Charakterisierung eines Psychologen in meiner Gegend folgende: Irgend so ein softer Typ mit Brille, langsamen Sprechtempo, vielen Pausen, theorisierend und die Beine überschlagend. Dazu noch therapeutisches Grunzen „mh, ja, mh, erzählen Sie mehr, das sollten wir genauer untersuchen.“. Die Devise vieler meiner Bekannten: „So ein Beruf wird von Weicheiern für Weicheier angeboten.“ Tja, jetzt geh mal auf dieser Grundlage studieren, als angehendes Weichei. Gesagt getan. Heute weiß ich, dass es natürlich nicht so ist wie in unseren damaligen Stereotyp-Fantasien. Aber ganz ehrlich, manchmal muss ich heute noch schmunzeln. Stereotype sind ja meistens nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Vom „Cornern“ (abhängen) mit 15 Personen auf Basketballplätzen mit NBA-Jerseys und Tupac-Musik hin zum Sitzen mit überschlagenen Beinen im intervisorischen Stuhlkreis. Und alle können sich – frei nach Marsha Linehan – gegenseitig nachvollziehen und validieren. Sowas gab es bei uns damals nicht. Ist das jetzt „gut“ oder „schlecht“ was im Stuhlkreis passiert? Ich weiß es bis heute nicht ganz genau. Ich weiß nur, dass es sich sehr stimmig anfühlt jemanden zu validieren, wenn man dies authentisch in sich spürt und zum Ausdruck bringt, anstatt es als eine inflationäre Technik zu verwenden. Das möchte in jedoch in einem anderen Beitrag gesondert behandeln. Du merkst, der Beitrag wird kritisch.

Mit Validieren meint man das subjektive Erleben einer Person anzuerkennen. Dies ist eine Technik, die ihren Ursprung in der Dialektisch-Behavioralen Therapie hat.

Ich sitz in einer weiteren Gruppe – diesmal die Gruppenselbsterfahrung – und ich fühle mich wie ein Alien. Ich stelle meiner Gruppe meine damaligen Verhältnisse grob und zensiert vor und kriege daraufhin mitleidvolle Blicke zugeworfen. Das Alien-Gefühl breitet sich weiter aus. Kennen die das denn etwa nicht? Oder bin ich ein Sonderling? Häufig habe ich mir dann die Frage gestellt, ob ich überhaupt dazu in der Lage bin, ein Psychotherapeut zu werden, gar ob ich dazu „geeignet“ bin? Ein wenig wie bei der Bundeswehr.

Dann habe ich gedacht: „Aus meiner Gegend ist keiner Therapeut geworden. Nur einer ist Lehrer geworden, aber das ist nicht miteinander vergleichbar.“ Ist es untypisch, wenn man aus dem sozialen Brennpunkt kommt, Arbeiterkind ist oder die Eltern keine Arbeit haben, und anschließend Psychotherapeut:in wird? Ich kenne halt sonst keine Person mit diesem Weg. Ist das nur etwas für die obere Mittelschicht, aufwärts? Woran könnte es also liegen? Heute weiß ich, dass ich auf alle gestellten Fragen sagen würde: „Ja, es ist möglich und überhaupt nicht leicht, aber dafür lohnenswert und auch verdammt nötig!Warum es nötig ist, erfährst du später im Text.

Warum es viele nicht ins Studium schaffen

Warum bislang – meines Erachtens – keiner aus meiner damaligen Gegend ein Psychotherapeut, Juristin oder Arzt geworden ist, möchte ich dir in Folgenden wiedergeben. Ich werde meine subjektiven Eindrücke schildern. Viele kleine Details stammen aus meiner Erfahrung und nicht aus Fachbüchern. Die folgenden Zeilen sind auch keine abschließende Auflistung. Es gibt immer weitere Faktoren, die noch keine Berücksichtigung gefunden haben oder noch entdeckt werden müssen. Darüber hinaus werde ich dir Verweise anbieten, auf denen sich auch andere Institutionen und Personen mit der Thematik im allgemeinen beschäftigt haben.

Es folgen einige Hypothesen, die diese fehlende Durchlässigkeit und Chancengleichheit vielleicht erklären:

A) In vielen Familien – sicherlich nicht in allen – werden Entwicklungsmöglichkeiten nicht thematisiert und/oder erkannt. Häufig fehlt die Perspektive, dass man beruflich auch andere Wege einschlagen kann. Das beschreibt auch Katja Urbatsch in einem Deutschlandfunk-Interview. Von 100 Akademikerkindern finden 71 ins Studium. Von 100 Nichtakademikerkindern schaffen es 24. Das zeigte sich in der Studie von den Hochschulforschern Holger und Tino Bargel im Jahre 2010 für die Hans-Böckler-Stiftung. Neuere Studien landen bei ähnlichen Zahlen. Meistens mangelt es an Hintergrundwissen. Der Übergang von Schule zu Studium ist also ein schwieriges Manöver, jedoch beginnen die Probleme schon viel früher. Man könnte auch sagen, dass sich im sogenannten Bildungstrichter die „Früchte“ der eigentlichen Probleme äußern, weil es für viele junge Menschen aus sozialschwachen Schichten „eng“ wird mit einem Studium.

Das Studium ist für viele Familien ein fremdes Konzept. Das kann Angst machen. Man traut sich nicht die Büchse zu öffnen. Überschätzt vielleicht auch die Risiken. Und dann wird häufig nicht mehr weiter gedacht. Und Fragen wie die folgenden bleiben unbeantwortet, die Akte „Studium“ wird geschlossen: Wie ist eigentlichen der Ablauf für eine Uni-Bewerbung? Welche Studiengänge gibt es? Wie würde die Finanzierung ablaufen?

Den Begriff „Immatrikulation“ musste mir dann beispielsweise damals Google erklären. Es folgten weitere Begriffe. Es ist im heutigen Zeitalter nämlich auch eine Kompetenz geworden sich informieren zu können. Wir setzen das manchmal als gegeben voraus. Was eine ziemlich naive Annahme ist, da es eben Menschen gibt, denen solch ein Prozess wirklich schwer fällt und die Frustrationsschwelle schnell erreicht ist. Das mit der Kompetenz an Informationen zu gelangen kann sich jedoch durch alle Schichten und Bevölkerungsgruppen ziehen.

B) Die Modellfunktion der eigenen Eltern oder Erziehungsberechtigten kann die berufliche Entwicklung moderieren. Das bedeutet im Klartext, dass Eltern häufig die ersten Bezugspersonen eines Kindes sind. Da Kinder in den ersten Lebensjahren gerne soziale Mimikry (Nachahmung) betreiben und aus diesen Modellen lernen, ist es wichtig auch diesen Punkt im Hinterkopf zu haben. Es gibt viele wunderbare Eltern, die alles für ihre Kinder tun würden. Keine Frage. In jeder Schicht und jeder Gesellschaft ist die Skala jedoch „von bis“ angeordnet. Und leider ist es so, dass häufig bei Eltern aus sozialschwächeren Schichten die Themen wie Selbstmanagementfertigkeit, Zeiten für die bewusste persönliche Bildung und Entwicklung zu kurz kommen. Und am Ende geht es um die Taten, nicht um die guten Vorsätze. Überspitzt formuliert, macht es im Alltag also einen erheblichen Unterschied, ob Eltern Bücher besitzen oder ob Eltern Bücher besitzen und diese auch augenscheinlich lesen.

C) Speziell für die Berufswahl der/des Psychotherapeut:in: In vielen Familien ist es weiterhin so, dass es wenig Raum zum Entdecken der eigenen und interpersonellen Gedanken und Gefühle gibt. Diese werden dann häufig nicht gezeigt bzw. werden nicht anerkannt oder als solche markiert. Das implementiert, wenn dies wiederholt auftritt, einen gewissen Lernprozess, der sich innerhalb der Familienkultur einschleichen kann. Ergo: Die Psyche und die inneren Vorgänge sind als solche nicht anerkannt und bleiben häufig im Verborgenen. In vielen Kulturen werden psychische Angelegenheiten weiterhin als Tabuthema angesehen und nicht besprochen. Starke Scham könnte dann eine mögliche Folge sein. Weitere Gründe könnten sein: Angst vor dem Verstoßen werden aus der eigenen sozialen Gruppe, Sorge vor innerfamiliären Konflikten, dem Unvermögen die entstehenden Gefühle adäquat zu regulieren oder gar Einbußen in der Rangordnung innerhalb der sozialen Gruppe. Diese Sätze sind weniger Gedanken, die ich mir in meinem Elfenbeinturm konstruiert habe. Sie basieren auf einem neugierigem Erfahrungsaustausch zwischen mir und anderen Menschen. Im privaten so wie im beruflichen Rahmen.

Wie der Vater eines Freundes mal zu mir sagte: „Ich verstehe nicht wie man mit Reden sein Geld verdienen kann, es passiert doch nichts.„. Stimmt, er hat Recht, am Ende habe ich keinen Tisch für einen Kunden geschnitzt. Es zeichnet aber genau das Bild ab, welches sich häufig in den Wohnzimmern von Familien aus gerade sozioökonomisch schwächeren Teilen unserer Gesellschaft ergibt. Es fehlt die Vorstellung zum Beruf. Es gibt teilweise kein Bewusstsein für psychologische Phänomene, was wiederum das Berufsbild des/der Psycholog:in ziemlich in den Hintergrund rücken lässt. Dieser Beruf ist einfach kein Thema, da häufig die inneren Regungen innerhalb der Familie kein Thema sind. Häufig dominiert dann das Bild von Berufen mit schnellem und praktischen Zugang.

D) Die Ressourcen der Familie, genauer gesagt der Eltern, spielen eine wichtige Rolle. „Ressourcen“ ist dabei ein vielseitiger Begriff. Was für viele selbstverständlich wirkt, kann in sozial schwächeren Familien eine Herausforderung werden. Beispielsweise können die fehlenden deutschen Sprachkenntnisse der Eltern – gerade in der schulischen Laufbahn eines Kindes – den Start in ein späteres Studium erschweren. Wenn ein Kind in der sechsten Klasse mit einer mathematischen Textaufgabe nach Hause kommt und die eigenen Eltern den Text der Aufgabe nicht verstehen, ist das eine Ansage. Oder wenn die Kinder mit zum Elternabend müssen, um dort zu übersetzen. Darunter kann die eine oder andere Notenlage schon mal leiden. Und ein Studium rückt weiter weg. Ich selber bin DaZ-Kind (Deutsch als Zweitsprache) und weiß wovon ich schreibe. Die ersten Monate in der Vorschule habe ich kaum soziale Interaktionen mit anderen Schüler:innen gehabt, weil ich kein Deutsch konnte. Mein erster Kontakt war ein Roma-Kind, dass meine Muttersprache gesprochen hat.

Ein weiteres Thema ist die Erziehung. Als Mann schreibe ich folgende Beobachtung auf: Aus meiner Erfahrung verabschieden sich – auf einer geistigen Ebene – gelegentlich die Väter von den Themen „Erziehung“ und „Bildung“ der eigenen Kinder. Nicht alle. Aber genug, sodass es mir aufgefallen ist. Häufig geht es den Vätern darum „warmes Essen“ auf den Tisch zu stellen bzw. der Verdiener/Versorger zu sein. Oder sie sind selber unbeholfen und wissen nicht wie sie helfen können, obwohl sie gerne würden. Das mag komisch klingen. Durch solche Einstellungen verlieren die Themen Bildung und Erziehung wichtige – Achtung Wortspiel – „Mann-Power“. Es wird dazu gerade dann noch schwierig, wenn man mehrere schulpflichtige Kinder parallel zu Hause betreut als Elternteil.

Ein sehr wesentlicher Punkt sind auch die vulnerablen Themen der Eltern. Eigene biografische und gegenwärtige Belastungen, die vielleicht die Funktion als Elternteil einschränken und „der Kopf“ zur Unterstützung der Schützlinge nicht ganz da ist. Von „einfacher“ Überforderung bis hin zu psychiatrischen Diagnosen wie Suchterkrankungen, Depressionen und Ängsten.

E) Die finanziellen Mittel möchte ich als gesonderte Ressource beschreiben. Es ist kein Geheimnis mehr, dass das Bildungsniveau der Eltern mit dem finanziellen Status der Familie korreliert. Diesen Punkt habe ich bewusst mit Absicht als letzten Punkt aufgeschrieben. Denn selbst wenn A-D irgendwie „machbar“ sind, kann der letzte Punkt hier der akademischen Laufbahn das Genick brechen. Holger und Tino Bargel zeigen in ihrer Studie auch, dass etwa Zwei Drittel der Akademiker-Kinder finanziell von ihrer Eltern unterstützt werden. Wohingegen es bei Kindern von ungelernten Arbeitern lediglich 15 % sind. Darauf aufbauend kreist immer wieder der Gedanke in meinem Kopf, dass die finanzielle Möglichkeit ein wesentlicher Teil auf dem Weg zum/zur Psychotherapeuten:in ist. Immer und immer wieder. Es ist ein wenig so wie eine goldene „Memberkarte“. Im Zweifel bleiben die unter sich, die es sich leisten können. Zumindest fühlte es sich für mich stellenweise so an. Es redet da eben keine:r drüber. Oder kannst du dir vorstellen, wie auf einer WG-Feier Student:innen in einem Kreis sitzen und sich gegenseitig fragen: „Und wie finanzierst du dir deine Wohnung?“. Das liegt unter anderem daran, dass in Deutschland in Gesellschaft ungern über Geld gesprochen wird. Und glaub mir, dass auch schon die Kinder aus der Mittelschicht Turbulenzen haben, den psychotherapeutischen Weg zu stemmen (Studium mit anschließender Ausbildung). Einem Bildungsweg mit einer durchschnittlichen Länge von ca. neun bis zehn Jahren.

Das eine ist es ins Studium zu kommen, das andere ist es die nächsten Jahre sich im Studium finanziell zu tragen. Wege gibt es dann viele: Eltern zahlen Unterhalt, Jobben gehen, Wohngeld, BAföG, Stipendium, Kredite bei Banken. Natürlich mit dem Wissen, dass man – je nach Finanzierung – erstmal verschuldet aus dem Studium kommt. Für mich waren die ersten Momente mit Scham verbunden. Ein mal quer durch die Mensa. Während alle Studenten Mittag essen, musste ich – und einige andere – regelmäßig zu einer BAföG-Sachbearbeiterin im ersten Stock über der Mensa. Der Wartebereich gläsern. Objektiv ist man Student:in, subjektiv kommt man sich im Vergleich zu Student:innen, die dies nicht nötig haben, schäbig vor. Oder: Ich kam mir anfangs schäbig vor. Andere vielleicht nicht. Ein seltsames Bild entsteht in einem: Die Semesterferien beginnen, einige Kommilitonen fiebern auf den Surf-Kurs an der französischen Küste hinaus, während andere sich freuen, dass sie das nächste Semester sich weiter leisten können, da das BAföG bewilligt wurde.

Dazu sei gesagt, dass die oben genannten Bedingungen nicht eintreffen müssen. Es gibt sicherlich Familien, die von A-E nicht betroffen sind und trotzdem als sozialschwach eingestuft werden. Jedoch sind meines Erachtens nach die oben genannten Beispiele nicht überzogen. So habe ich es kennengelernt. Häufig ist meistens mindestens eine der Bedingungen aus den Hypothesen erfüllt oder sogar Kombinationen möglich.

Mein Kopf rebelliert – Studium nur eine Frage der Anstrengung?

Jetzt beginnt die rationale, kalte – von Sensorik und Erfahrung – entkoppelte Rebellion in mir.

Ein Teil meines Kopfes sagt zu mir: „Wieso, wer sich anstrengt, der/die kann auch Psychotherapeut:in werden!„. Ist das so?

Lieber Kopf, welche Coaching-Tipps gibst du denn einem jungen Menschen, der kurz vor dem Abitur steht und mit den beschriebenen Bedingungen zutun hat? Du klingst nämlich so, als ob die genannten Punkte keine ernstzunehmenden Hindernisse wären. Vielleicht sind sie es nicht und ich bin nur ein Weichei. Aber ja, wenn auf der anderen Seite der Welt sich gerade etwas Schlimmes ereignet, tangiert mich das auch nicht unbedingt oder verdirbt mir den Appetit während des Mittagessens. Schnell kommt dann ein automatischer Gedanke, der über das Elend auf der Welt nachdenkt und urteilt: „Die sollen sich mal nicht so anstellen„. Sofort verwerfe ich den automatischen Gedanken wieder. Tue ihn als falsch ab. Denn irgendwo müssen wir ja beginnen. Und bevor wir die Welt verändern, sollten wir erstmal anfangen unsere Kinderzimmer aufzuräumen. Sprich, bei unserem Nachwuchs bleiben.

Okay, aber mal angenommen: Es geht alles gut, dieser junge Mensch schafft es mit dem richtigen Numerus Clausus an die Universität und vielleicht auch den Sprung ins Psychologiestudium. Wie geht es dann weiter? Häufig steuern, gerade in den ersten Semestern, die Eltern etwas zum Lebensunterhalt bei, laut der Studie von Tino und Holger Bargel. Realistischerweise bewerben sich Student:innen auch nicht nur auf die Universität in der Heimatstadt, sondern teilweise quer durch Deutschland und Ausland. Umzüge sind also keine Seltenheit. In meinem Fall hatte ich eine Zusage in einer WG in einer anderen Stadt, aber keinen Finanzierungsplan. Dazu müssen Nahrung, Freizeit, Literaturkosten, Beiträge für die Uni noch mit eingerechnet werden. Basics halt. Da kommt schon was zusammen. Daraus ergibt sich die Frage wie über die nächsten Jahre finanziert werden kann. In meinem Fall ging es über BAföG als Darlehen (da ich bereits einen Beruf erlernt hatte) und Wohngeld. Wenn meine Eltern Geld über hatten, habe ich es teilweise bekommen. Es ist für mich bis heute immer noch keine Selbstverständlichkeit. Andere Möglichkeiten wären Kredite bei anderen Institutionen, Stipendien, arbeiten gehen. Fairerweise muss aber auch gesagt werden, dass einige Kinder von vermögenden Eltern die Unterstützung ablehnen und sich selber finanzieren in dem sie arbeiten gehen möchten. Das rechne ich den Personen hoch an. Wirklich. Es bleibt leider trotzdem weiterhin ein fader Nachgeschmack, für den kein Individuum verantwortlich gemacht werden kann. Es macht leider durchaus einen Unterschied ob man laufen kann, oder laufen muss. In beiden Fällen läuft man, jedoch ist die Voraussetzung jeweils eine andere.

Dazu ist mir etwas eingefallen

Sagt die Giraffe zum Hund: „Schau mal über die Mauer, welch herrliche Aussicht.“ Der Hund: „Ich kann nicht, ich bin zu klein.“ Sagt die Giraffe: „Stell dich nicht so an, du hast sieben Halswirbel, genau wie ich. Das ist nur eine Frage des Wollens.“

Sicherlich kann auch der Hund es schaffen einen Blick über die Mauer zu erhaschen. Dies ist für ihn mit Vorbereitung und Aufwand verbunden. Er könnte die Giraffe fragen, ob er auf ihren Rücken steigen darf. Er könnte aber auch Gegenstände stapeln und sich somit eine Treppe bauen. Alles in allem ist er auf sich und auf Hilfe angewiesen. Und ist man ein mal oben, vergisst man manchmal wie man hoch gekommen ist.

Mein Kopf meldet sich zurück: „Siehst du, wer sich anstrengt, der/die kann auch Psychotherapeut:in werden!“

Und mal angenommen mein Kopf hat Recht. Das Studium ist erfolgreich (und eventuell verschuldet) abgeschlossen. Dann kann die Person sich doch in die Hände reiben und endlich den Traumberuf „Psychotherapeut:in“ ausüben? Fast. Jetzt „nur noch“ die Ausbildung zum/zur psychologischen Psychotherapeut:in für eifrige Personen drei Jahre, für viele andere eher fünf Jahre. Denn es fehlt noch die notwendige Approbation. Mit einem Schwenk in meine Ausbildung: Es kam eine zusätzliche finanzielle Belastung von ca. 22.000 Euro innerhalb der Ausbildung auf mich zu. Nicht vergessen, ich habe einen abgeschlossenen Beruf und bin zum Start der Ausbildung verschuldet. Da ich kein Roboter bin, hat das in mir einen gewissen psychischen Druck ausgeübt. Unter anderem deswegen frage ich auch gerne Patient:innen im Erstgespräch, ob sie Schulden haben, da es Druck machen kann. Wieder etwas, was man nicht unbedingt im Buch nachschlagen kann.

Mit einer Approbation ist man ermächtigt seinen Beruf selbstständig und eigenverantwortlich auszuführen. Psychotherapeut:innen können beispielsweise dann auch mit den Krankenkassen abrechnen.

Lieber Kopf, würdest du die nächsten Entbehrungen in Kauf nehmen? Mein Kopf: „Wieso, wer sich anstrengt, der/die kann auch Psychotherapeut:in werden!“ Vielleicht hat er ja Recht, und ich sollte mich einfach nicht so anstellen. Nach alten Ausbildungsrichtlinien müssen Auszubildende die sogenannte praktische Tätigkeit 1 und 2 absolvieren. Insgesamt 1 1/2 Jahre. Man nennt es nicht umsonst das Nadelöhr. In diesen Zeiten verdienten angehende Psychotherapeut:innen, je nach Bundesland, von Normalgehalt bis kein Gehalt. Ja, du hast richtig gelesen. Wenn du – zu meiner Zeit- den schwarzen Peter gezogen hast, musstest du 40 Stunden auf der Station arbeiten, ohne Vergütung, danach deine Miete und deinen Einkauf zahlen. Nicht selten fanden sich in Foren von sozialen Medien zahlreiche Threads in denen sich ausgetauscht wurde, wie andere Auszubildende es machen. Und auch die Kommentare waren zahlreich. Callcenter, Nachhilfe, bei einer Therapeutin in der Praxis Diagnostik durchführen oder vielleicht doch Kellnern am Wochenende? Das Problem trifft dann fairerweise Personen aus jeglicher Schicht. Aber auch hier, gibt es durch Ehepartner oder Familie finanziellen Rückhalt? Wenn ja, lässt es sich besser schlafen, wenn nein, dann eben nicht. So war es bis zum Jahre 2020. Heute: Vollzeitstelle mit mindestens 1000 Euro (Brutto) monatlich. Immerhin besser als kein Gehalt. In Hamburg – Mitte wohnt man mit dem Gehalt dann aber auch nicht. Das wäre wieder ein Thema für sich. Die neue Psychotherapiereform soll Abhilfe schaffen. Es gibt eine Übergangszeit was die bisherige Ausbildung angeht. Ziel ist es, den Studiengang „Psychotherapie“ direkt über Universitäten anzubieten. Dies läuft bereits schon an.

Zwischenfazit – Das Handtuch werfen oder nicht?

Als waschechter Therapeut, weiß ich, dass sich Inhalte besser konsolidieren lassen, wenn man sie zuvor wiederholt hat. Hier nochmal die wichtigsten Hindernisse auf dem Weg zum/zur Psychotherapeut:in und die dazu gehörige Hypothese meines rebellischen Kopfes:

Hypothese: „Wieso, wer sich anstrengt, der/die kann auch Psychotherapeut:in  werden!„.

Hypothetische Hindernisse:

A) In vielen Familien fehlt die Perspektive für Entwicklungsmöglichkeiten und das Hintergrundwissen zum Studium.

B) Die Modellfunktion der Eltern kann als Prädisposition die Kinder nachhaltig prägen.

C) Psychische Vorgänge werden in Familien häufig nicht aufgedeckt, sie agieren im Verborgenen. Es besteht kein Raum zum Entdecken. Somit rückt das Psychologie-Studium häufig in den Hintergrund.

D) Mangelnde Ressourcen in der Familie. Fehlende Sprachkenntnisse, mangelnde Förderung in Bildung und Erziehung.

E) Fehlende finanzielle Mittel für das Psychotherapiestudium und die anschließende Ausbildung zum/zur Psychologischen Psychotherapeut:in. Hier im „worst case“ kein oder kaum Gehalt im Nadelöhr-Jahr.

Und jetzt nochmal zu unsere Hypothese „Wieso, wer sich anstrengt, der/die kann auch Psychotherapeut:in werden!„.

Lieber Kopf, wenn du mir jetzt gleich nochmal sagen willst „Wieso, wer sich…„, dann falle ich vom Glauben ab. Anstrengung ist das eine, ja. Da gebe ich dir zu 1000% Recht. Das andere sind jedoch die Startbedingungen. Dein Satz ist nicht lebensnah für viele Betroffene.

Ein leitender Psychologe einer großen stationären psychosomatischen Einrichtung meinte während eines gemeinsam Essens mal zu mir : „Jeder Mensch kommt mit seinem eigenen Baukasten des Lebens auf die Welt. Und manchmal müssen wir akzeptieren dass die Verteilung nicht immer fair abgelaufen ist. Jetzt gilt es das Beste daraus zu machen.„. Da helfen leider auch keine Skills.

Selbst ich vergesse es manchmal recht schnell. Gerade wenn man tagtäglich mit Kolleginnen und Kollegen arbeitet, die eher ein universitäres Elternhaus in ihrer Prägung haben. Ich will diese Seite inzwischen nicht missen. Ich lerne viel von meinen Kolleginnen und Kollegen, als Mensch und als Therapeut. Nur macht es mich – auf einer abstrakten Ebene – dennoch wütend und traurig zugleich, dass es weiterhin Asymmetrien in unserem Bildungssystem gibt. Aber da kommt in mir wieder der „Baukasten des Lebens“ hoch. Ich habe inzwischen gut reden. Ich habe es hinter mich gebracht. Ich habe meinen Baukasten bis zur Kante des Möglichen ausgeschöpft. Aber was ist mit all den anderen, talentierten, angehenden Therapeut:innen, denen der Weg vielleicht verwehrt bleibt oder sie ihre Möglichkeiten nicht kennen? Im Folgenden versuche ich dir gute Gründe für ein Studium zu nennen. Sofern das auch dein Plan ist.

Warum es sich lohnt als Nicht-Akademiker-Kind zu studieren

Für mich ist dieser Abteil das Herzstück des Beitrags. Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. Ich habe versprochen, dass ich Mut machen möchte. Es gibt viele Argumente das Handtuch zu schmeißen, wenn du dir oben mal die Hypothesen anschaust. Und ich finde, es ist auch wichtig, dass du die Argumente kennst. Es gibt aber für alles auch bombenfeste Alternativhypothesen, um es in Zukunft mal anders zu machen. In weiser Voraussicht, sollte man aber wissen, was änderbar ist und was der „Baukasten des Lebens“ unveränderlich mit sich bringt. Zwischen den beiden Polen unterscheiden zu lernen, wird dich auf deinem Weg gelassener und für dich erfolgreicher machen. Einerseits ist es sicherlich eine Frage des Willens. Andererseits kann ein Wille auch nicht alles. Wir sind hier nicht bei Stranger Things und können mit dem bloßen Willen einen Kugelschreiber schweben lassen. Alles hat seine natürlichen Grenzen, begrenzt durch objektiv messbare Bedingungen wie eben z.B. Geld.

Ich kann heute schreiben, dass das Studium etwas sehr Gewinnbringendes für mich war. Und das gleich auf mehreren Ebenen. Dabei ist der spezifische Studiengang gar nicht so ausschlaggebend. Es geht auf einer übergeordneten Ebene darum, zu lernen, sich zu trauen einen anderen Weg einzuschlagen. Angst ist ein schlechter Berater. Den Mut aufzubringen es zu probieren, mit dem Risiko zu scheitern, ist für eine Vielzahl von Arbeiterkindern ein latenter Wegbegleiter. Aber hey, gescheitert ist man erst an sich, wenn man etwas vom Leben wollte, es erkannte und nicht probiert hat. Selbst wenn das Studium sich verzögert oder gar erstmal auf Eis gelegt wird, ist und war es zu keinem Zeitpunkt eine Niederlage! Innerhalb eines Studiums sich zu organisieren und zu koordinieren, Entscheidungen zu treffen und sich als selbstwirksam zu erleben, sind Erfahrungen und Kompetenzen, die dein ganze Leben lang anhalten.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass du innerhalb des Studiums auf viele verschiedene Persönlichkeiten treffen wirst. Zu den inhaltlichen Highlights eines Studiums kommt noch das soziale Miteinander. Dies ist eine mächtige und wertvolle Erfahrungen. Neben dem vernetzenden Charakter ist auch das Kennenlernen verschiedener Lebenswirklichkeiten bereichernd. In meinem Fall war es so, dass ich einen meiner besten Freunde im Studium kennengelernt habe. Daraus ist eine tiefe emotionale Verbindung entstanden. Ich habe selten solch einen warmherzigen und aufrichtigen Menschen getroffen. Und das Beste: Arbeiterhaushalt trifft auf Akademikerhaushalt. Es funktioniert! Wir bringen uns gegenseitig etwas fürs Leben bei. Ich fühle mich inzwischen nicht mehr wie ein Alien.

Ein weiteres Argument ist, dass du viele Menschen aus deinem Umfeld motivieren und inspirieren wirst. Und glaub mir, das dauert erstmal seine Zeit, aber es lohnt sich. Kontinuität ist hier das Zauberwort. Vor allem wirst du mit der Zeit auch zu einem Vorbild für dich selbst, da du mit der Zeit an dir und den Aufgaben wachsen wirst. Eines Tages wirst du auch ein Vorbild für deine Kinder sein.

Als meine Eltern nach Deutschland kamen, war ihre höchste Prämisse dem Nachwuchs (also mir) ein würdiges Leben zu ermöglichen. Sie ebneten mir den Weg zum Studium. Meine Aufgabe ist es diese Idee weiter fortzusetzen, in dem ich nun studiert habe. Meine Prämisse ist es nämlich den Weg für meine Kinder zu bahnen, dass sie eben nicht mehr für eine Durchlässigkeit kämpfen müssen. Sie werden sich dafür wiederum um die Probleme ihrer Generation kümmern müssen. Damit will ich sagen, dass ein Studium weitreichende Konsequenzen bis in die nächsten Generationen haben wird. Und es lohnt sich unter diesem Gesichtspunkt den Prozess des Studiums anzugehen.

Warum es sich lohnt als Nicht-Akademiker-Kind Psychotherapeut:in zu werden

In diesem kurzen Abschnitt soll es darum gehen ein Plädoyer für Arbeiterkinder in der psychotherapeutischen Arbeit niederzuschreiben. Das Plädoyer gilt auch für alle anderen Nicht-Akademiker Kinder. Denn speziell wäre es für die Psychotherapie heilsam, wenn dort mehr Diversität auf Behandler:innen-Seite stattfinden würde. Ich empfinde derzeit eine systematische Verzerrung in der Verteilung innerhalb der Behandler:innen-Population. Was das bedeutet? Bildet die Berufsgruppe der Psychotherapeut:innen den Querschnitt der Gesellschaft ab? Nach dem oben ausgeführten Absätzen würde ich zu nein tendieren. Ich finde es gerade im therapeutischen Setting sehr wichtig, dass wir in den nächsten Jahren so „bunt“ wie möglich aufgestellt sind. Es wirkt manchmal so, als wäre in einigen Berufen die Zeit stehen geblieben, während die Gesellschaft im Wandel ist.

Eines ist sicher: Einer der psychotherapeutischen Wirkfaktoren ist nun mal die Beziehung zwischen Behandler:in und Patient:in. Das liegt mitunter daran, dass man über eine längere Zeit miteinander arbeitet, sich empathisch einfühlt und kennenlernt. Eine Sitzung dauert 50 Minuten. Ich würde behaupten, dass es nicht egal ist, wer vor einem sitzt.

Eine Dozentin an der Universität meinte mal, dass viele unsere Patient:innen sich nicht das neuste neurowissenschaftliche Lehrbuch durchlesen, sondern – Achtung jetzt wird es sehr plakativ – „die Bunte“. Mag sein, kann ich nicht beurteilen. Ich denke jedoch, ich weiß was sie uns eigentlich damit sagen wollte. Mit ihrem überspitzen Beispiel wollte sie auf die Gefahr hindeuten, dass es manchmal Lebensweltunterschiede gibt, die man nicht einfach mit Wissen überbrücken kann. Frei nach dem Motto: „Bring mir wen du willst, ich kriege die schon alle behandelt!“. Und unsere Patientenschaft ist eben „bunt“. Viele kommen z.B. aus prekären Verhältnissen.

Wäre es nicht ein Gewinn für alle Seiten, wenn in dieser Berufsgruppe eine ausgewogene Mischung bestünde? So könnte auf Dauer viel besser der Patientenschaft geholfen werden, da man genauer wählen könnte, welche/n Behandler:in man sich als Patient:in aussucht. Es geht dann aber auch anders herum. In dem Behandlungsteam, in dem ich arbeite, schauen wir uns an welche Kolleg:in welchen Schwerpunkt, welches Interesse und welche persönliche Erfahrung mitbringt. Neben ihrem eigentlichen therapeutischen Schwerpunkt. Und es funktioniert gut.

Denn viele Patient:innen kommen nicht nur mit sogenannten „Achse I-Störungen“, sondern auch mit existenziellen Problemen (z.B. Gewalterfahrungen, Drogen in der Herkunftsfamilie, Geldsorgen, berufliche Schwierigkeiten, keine Modelle im Elternhaus etc.), die zu den Achse I-Störungen beigetragen haben. Und wie heilsam wäre es für ein Patientenohr, wenn Behandler:innen im richtigen Moment in einer limitierten Selbstoffenbarung (und wenn es den therapeutischen Prozess effektiv vorantreibt) sagen könnten: „Das Problem kenne ich“ anstatt „Das kann ich nachvollziehen/mir vorstellen„.

Erst letztens hat ein Patient im sozialen Kompetenztraining zu mir gesagt: „Sie Psychologen konstruieren hier Beispiele für Rollenspiele, die im echten Leben eben nicht funktionieren, Sie wissen doch nicht, wie es ist, das stört mich.“ Ich hatte da keine schlaue psychologisch-verbale Rückhand, sondern habe ihm in diesem Moment einfach Recht gegeben.

Als Achse-1-Störungen bezeichnet man in der klinischen Arbeit Symptome, die zu starken Funktionseinbußen und Leidensdruck führen können. Beispiele dafür sich Veränderungen in Antrieb und Stimmung, Ängste, Schlafstörungen usw.

Ein weiteres und letztes Beispiel warum es sich gerade für interessierte Männer lohnen könnte, Psychotherapeut zu werden: Das Geschlecht spielt eine Rolle auf der Behandler:innen-Seite. Ungefähr 80% der Kollegin:innen sind weiblich. Das bedeutet, dass bei zehn Personen in einer Therapeut:innen-Gruppe zwei Männer sitzen. Männlicher Nachwuchs ist herzlich Willkommen!

Was ich im Kern sagen möchte ist, dass die systematische Verzerrung aufgeweicht werden sollte. Alles und jeder sollte auf Psychotherapeut:innen-Seite vertreten sein, natürlich wenn er oder sie sich dafür stabil und bereit fühlt. Dafür wäre es wichtig alle die, die unterrepräsentiert sind, dazu einzuladen und es ihnen zu ermöglichen sich ein Studium anzuschauen, sofern sie es sich wünschen. Da wären wir dann aber wieder bei unserer Durchlässigkeit und Chancengleichheit.

Abschließende Ideen dem Studium näher zu kommen

Die derzeitige Lage wird sich nicht durch den Blogeintrag verändern. Auch nicht durch die Aktionen einer einzelnen Person. Vielleicht aber, wenn zunehmend ein kollektives Bewusstsein dafür entstehen würde. Ich denke, dass vielen Menschen diese Lage gar nicht auffällt. Es schreit ja auch keiner auf. Im Folgenden möchte ich dir meine Ideen präsentieren zu den oben postulierten Hypothesen.

A) In vielen Familien fehlt die Perspektive für Entwicklungsmöglichkeiten und das Hintergrundwissen zum Studium.

Eine einzelne Person kann nicht die eigene Familie umkrempeln. Das ist mir klar. Wenn in dir aber eine Idee aufkommt, dass du dich uninformiert fühlst, sprich eine erwachsene Bezugsperson an. Zum Beispiel Lehrer oder Berater eines Studentenwerks. Auch das Internet bietet eine Bandbreite an Möglichkeiten sich zu informieren. Beispielsweise hat Katja Urbatsch die Initiative ArbeiterKind.de gegründet, um Kindern von Nicht-Akademiker-Familien dabei zu helfen ins Studium zu finden. Dies ist keine Schleichwerbung und ich habe nichts von der Werbung. Ich bin einfach überzeugt von der Initiative!

B) Die Modellfunktion der Eltern kann als Prädisposition die Kinder nachhaltig prägen.

Die Familie kann man sich bei Geburt nicht aussuchen. Und in den meisten Fällen wollen die Eltern nur das Beste für ihre Kinder. Ausnahmen gibt es immer. Das heißt aber nicht, dass die gewillten Eltern es immer ohne zusätzliche Hilfe schaffen. Manchmal benötigt es professionelle Hilfe. Stichworte sind hier Erziehungshilfen, Beratungsstellen, Jugendhilfe, Psychotherapie usw. Und auch du kannst Veränderungsprozesse in deiner Familie einleiten. Es ist nicht der sauberste Weg, da es eigentlich nicht dein Job ist. Aber auch familiäres Erleben ist kein Einbahnstraße. Du bist nicht nur durch deine Umwelt beeinflussbar, sondern auch du kannst deine Umwelt aktiv beeinflussen. Wenn du dauerhaft einen anderen Lifestyle fährst (dich bilden, auf deine Gesundheit achten usw.) macht das auch was mit deinen Mitmenschen. Und es muss nicht immer teuer sein. Viel Fachwissen und Hilfestellung wird inzwischen kostenlos in den sozialen Medien und auf Streamingplattformen angeboten. Der aller wichtigste Schritt ist jedoch dass du erkennst wie wandelbar und veränderbar du bist. Deine Vergangenheit ist nicht dein Meister, sondern dein Diener. Nutze für dich die gemachten Erfahrungen, um sie in etwas hilfreiches umzuwandeln. In Arbeiterfamilien oder Familien ohne Job kann das Leben auch mal härter zu schlagen. Vielleicht musstest du früher als andere arbeiten gehen oder musstest mit deinem Geld lernen hauszuhalten. Das sind Erfahrungen, die dir keiner nehmen kann. Auch wenn diese Erfahrungen sich retrospektiv schmerzlich anfühlen, kannst du die Schlussfolgerungen für dich in der Gegenwart nutzen. Zum Beispiel kannst du viel besser wirtschaften und kannst realistischer kalkulieren. Und glaub mir, damit bist du dann vielen Studenten voraus.

„Deine Vergangenheit ist nicht dein Meister, sondern dein Diener.“

C) Psychische Vorgänge haben in Familien häufig keinen Raum entdeckt zu werden, sie agieren im Verborgenen. Somit rückt das Psychologie-Studium häufig in den Hintergrund.

Das ewige Thema. Wenn ich die Biografie von Patient:innen kennenlerne, ist es sehr häufig so, dass zu Hause nicht über Gefühle gesprochen wurde. Ich kann dir wirklich nur ans Herz legen, es zu probieren. Alles beginnt mit kleinen Schritten. Sprich zuerst mit einer Bezugsperson über das, was dich bewegt. Anschließend sprich zu Hause davon, vielleicht dann erstmal über objektive Themen. Irgendwann auch über das, was du denkst und fühlst. Das kann sich für alle erstmal befremdlich anfühlen. Aber was auf der weiten und großen Welt fühlt sich zu Beginn nicht befremdlich an? Es ist ähnlich wie beim oberen Punkt. Du kannst eine neue Modellfunktion annehmen. Aber erwarte nicht, dass alle applaudieren werden. Dieser Prozess dauert Zeit, da innere Vorgänge etwas sehr Intimes sind und jeder sein Tempo dabei hat.

Vielleicht kannst du auch aus dem Studium berichten, in dem du Themen besprichst und sie runterbrichst. Also vielleicht nicht sowas wie „Wow, wusstet ihr eigentlich dass der Dorsolaterale Präfrontale Kortex korreliert mit den Exekutivfunktionen bei uns Menschen?“. Und vielleicht eher sowas wie „Wusstet ihr eigentlich dass der Hirnbereich über den Augen für sowas wie Planung und Aufmerksamkeit zuständig ist?“.

Sicherlich wäre aber auf einer gesellschaftlichen Ebene sinnvoll, dass psychische Vorgänge mehr Berücksichtigung finden und anerkannt werden. Das würde den kulturellen Blick auf Psyche im Allgemeinen verändern. In den Medien gibt es inzwischen Bewegungen, die versuchen aufzuklären und zu entstigmatisieren. Wir sind aber noch weit davon entfernt die Psyche als etwas zu uns Gehöriges und Wandelbares zu begreifen, mit dem man arbeiten kann.

Auch in der Politik und in der Schule sollten die Vorbilder nochmal anders auf die menschliche Psyche sensibilisiert werden. Der besagte Freund, der Lehrer geworden ist, schult Eltern an Elternabenden. Er erklärt neben den Noten was Gefühle und Gedanken mit ihren Kindern und mit den Eltern selbst machen. Vorbildlich, aber eine Person reicht dazu nicht aus. Nach offiziellen Lehrplan ist es auch nicht sein vorgesehener Job. Er macht es aus Überzeugung.

Selbst in der Patientenschaft ist das weiterhin ein schwieriges Thema. Also bei Menschen, die sich aktiv in einer Therapie befinden. Häufig ist der Gedanke an Psychotherapie immer noch: „Ja ich gehe zur Therapie, aber keine Sorge ich bin nicht bescheuert oder so, ich bin nur irgendwie so traurig.„. Ich frage mich auf eine sarkastische Art, wieso Psychotherapie etwas für „Bescheuerte“ ist. Vielleicht ahnst du, wo der Ursprung liegt. Also hier gilt über viele Institutionen hinweg aufklären, aufklären und nochmals aufklären. Dann würde das auch bis in die letzten Ecken deutscher Wohnzimmer gelangen.

D) Mangelnde Ressourcen in der Familie. Fehlende Sprachkenntnisse, mangelnde Förderung in Bildung und Erziehung.

Was kann helfen bei fehlenden Sprachkenntnissen? Einen Raum zum Sprechen schaffen! Stadtteiltreffs, Projekte, private Treffen. Als wir nach Deutschland kamen, gab es in unserem Stadtteil kaum kulturelle Angebote für jung und alt. Nur ein Haus der Jugend. Das ist heute anders. Elterntreff, Erziehungshilfen, Begegnungsstätten und Stadtteilfeste sind Standard. Was haben wir damals gemacht? Wir haben mit unseren Eltern gemeinsam die deutsche Sprache entdeckt in dem wir Zeitung gelesen oder auch Filme auf deutsch geschaut haben. Die Mühlen haben langsam gemahlen und dennoch hat sich jede Minute gelohnt.

Häufig ist es eine Frage der fehlenden Offenheit und dem eigenen Gefühl von Unzulänglichkeit, die uns blockieren Neues zu probieren. Aber ist der – wie so häufig – erste Schritt getan, merken die Eltern, dass sie gar nicht zu Staub zerfallen. Hier ist also viel Motivationsarbeit und Geduld gefragt. Es gibt in unserem Informationszeitalter inzwischen interessante Vorträge und Dokumentationen über jegliche Themen, die zum Zugang bereit stehen. Wie wäre es zum Beispiel in einem familiären Rahmen sich zusammen auf etwas einzulassen und zu lernen? Eine Doku schauen? Oder den Stadtteil erkunden? Geteiltes Leid ist halbes Leid. Aus meiner Erfahrung wird durch gemeinsame Aktivitäten häufig das Interesse der Eltern geweckt und man tankt Motivation für die nächst größere Aufgabe. Ich biete meinen Patienten regelmäßig an, dass sie sich bei Erziehungsfragen an mich oder weitere Kollegen wenden können. Meistens ist es auch hier wieder eine Sache des Mutes und des Vertrauens sich zu öffnen. Wenn es läuft, dann meistens richtig!

E) Fehlende finanzielle Mittel für das Psychotherapiestudium und die anschließende Ausbildung zum/zur psychologischen Psychotherapeut:in.

Bildung kostet an vielen Orten auf der Erde nun mal Geld. Viele Eltern sind gewillt, etwas für die Bildung ihrer Kinder zu unternehmen. Du erinnerst dich aber auch, dass der Wille alleine häufig nicht ausreichen wird. Die folgende Beobachtung ist weniger psychologisch, als viel mehr wirtschaftlich.

Auch wenn ich kein Vermögensberater bin und das keine Beratung ist, ist mir aufgefallen, dass es in vielen Familien aus meiner damaligen Gegend kein Konzept von Geld gab. Es wurde sehr viel gearbeitet. Es wurde aber nicht immer klug gewirtschaftet. Das sind nämlich zwei paar Schuhe. Das zieht sich auch in der Schule dann so weiter. Der Satz des Pythagoras können Kinder irgendwann rechnen. Mit dem eigenen Geldbörse zu wirtschaften fällt aber weiterhin schwer. Es fehlt häufig die finanzielle Bildung. Das Problem vererbt sich über die Generationen gerne mal weiter.

Entscheidend ist nicht wie viel Geld man am Ende verdient, sondern wie viel man einbehält. Dieser Satz ist für manche Familien realisierbarer als für andere. Der reichste Mann von Babylon sagte einst, dass man von 10 Goldtalern einen einbehalten soll. Mit den neun Talern bestreitet man sein Leben, während man den einen Taler einbehält. Was ich sagen möchte ist, dass es sinnvoll ist, früh im Leben einen Puffer aufzubauen und diesen einen Goldtaler einzubehalten. Möglichkeiten der Anlage gibt es wie Sand am Meer.

Das kann dann später für beispielsweise die Bildung der Kinder genutzt werden. Es ist nie zu spät, zu beginnen. Egal wie gering das Ersparte zu Beginn auch ist. Es geht um das Prinzip. Das wird nicht dein Leben verändern, kann dir aber Jahre später ermöglichen, ein Fachbuch zu kaufen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu empfinden. Mir wurde das nie beigebracht, ich habe das auf dem bitteren Weg selber rausfinden müssen.

Eine andere wichtige Maßnahme ist sich vor dem Studium ein Haushaltsbuch anzulegen bzw. probeweise einen Monat großzügig mit Stift und Blatt zu kalkulieren. Das kann dabei helfen den Bedarf zu ermitteln. Was sind die Fixkosten? Was ist eher variabel und was wäre ein guter Puffer? Kurz: Was brauche ich zum Leben?

Ein eher psychologischer Aspekt ist es sich irgendwann von den Zahlen zu distanzieren bzw. die Angst abzulegen und den ersten Schritt zu wagen. Du wirst deinen Weg schon gehen. Ich habe mir immer gesagt, dass ich auf einen Katastrophengedanken drei Lösungen anbieten werde. Die Lösungen müssen dabei nicht perfekt sein. Zahlen haben jedoch einen immensen Einfluss auf unser Denken. Wenn du mit deinem Kopf anfängst Tango zu tanzen, fängst du wahrscheinlich nie an zu studieren. Und ja, die nüchterne Wahrheit ist, dass du vielleicht während des Studiums einen Druck verspürst. Zum Beispiel brauchst du eine bestimmte Anzahl an Creditpoints für die weitere Bewilligung deiner BAföG-Unterstützung. Und schon gehen die Zukunftsplanungen in deinem Kopf los und es entstehen eventuell Sorgen. Hier gibt es keinen klugen Spruch, sondern eher die Akzeptanz, dass es eben der Preis ist, den du zahlst, um dich selbst zu verwirklichen. Und vielleicht trifft der Fall nicht ein, da du einen besseren Finanzierungsplan findest für dich, ganz ohne Druck.

Fazit

Ein langer Text neigt sich dem Ende zu. Fazit ist, dass Nicht-Akademiker-Kinder es unter diesen Umständen schwieriger haben können, eine universitäre Laufbahn einzuschlagen. Es ist verbunden mit Vorbereitung und Aufwand jeglicher Art. Ähnlich wie beim Hund und der Giraffe.

Auf politischer und kultureller Ebene müsste in den nächsten Jahren weiterhin an der Durchlässigkeit und der Chancengleichheit gearbeitet werden. Am Ende scheitert es häufig nicht an dem einen oder anderen Punkt. Es ist eher die Ansammlung der kleinen Hintergrundbedingungen, die Sand im Getriebe sind. Einer Einzelperson hat häufig keinen Einfluss auf diese höheren Prozess. Deswegen ist es so wichtig ein gesundes kollektives Bewusstsein zu entwickeln. Dabei soll es nicht um „rumquengeln“ oder Austeilen von Vorwürfen gehen. Besser wäre zu schauen, wo die Freiheitsgrade für positive Veränderung liegen. Selbst wenn politisch etwas geschieht, kann es sich für Betroffene weiterhin schwierig anfühlen, da jede Person ihre eigene Biografie und ihre eigenen Bewältigungsstrategien besitzt. Was für die eine Person leicht erscheint, ist für die andere Person eine Herausforderung. Also ist es auch wichtig, dass wir mit uns und unseren Mitmenschen umsichtig umgehen. Manchmal kommt ein Stein schon ins Rollen, wenn man sich miteinander unterhält und informiert. Kennst du den tiefsten Kummer deiner besten Freundin? Weißt du was gerade das Schwierigste für deinen Kommilitonen ist, mit dem du häufig gemeinsam feiern gehst?

Es geht also irgendwo auch darum weniger ignorant zu sein. Meine obigen Ideen sind nur Tropfen auf dem großen heißen Stein. Ich bin mir sicher, dass es da draußen noch viel bessere Lösungsmöglichkeiten für diese Thematik gibt. Ein häufig berichtetes Problem ist, dass Nicht-Akademiker-Kinder nicht so erprobt sind für sich einzustehen oder sich zu präsentieren. Umso wichtiger ist es, dass Nicht-Akademiker-Kinder zu ihrem Selbst finden und Selbstwirksamkeit ausleben können. Die äußeren Bedingungen sind manchmal wie ein Baukasten gesetzt, klar. Und so manches ist nicht einfach veränderbar, klar. Was häufig hilft ist dann die gewisse Haltung mit der man das Leben unter diesen Bedingungen optimal für sich gestalten kann. Das bedeutet aber mehr als nur den Willen zu haben, es bedeutet auch in Aktion zu treten! Und das ist das was ich allen auf ihrem Weg wünsche, eine gesunde Haltung mit Handlungspotential. Häufig mangelt es am Ende an Informationen und dem Mut zu beginnen. Denken, fragen, ausprobieren. Manches wird klappen, manches wird gnadenlos scheitern. Wichtig ist, dass man es zumindest probiert.

Weiter oben habe ich geschrieben, dass man laufen kann oder muss. Am Ende gewöhnt man sich auch ans Laufen und vergisst zum Glück die Bedingung fürs Laufen. Können oder Müssen wird dann zweitrangig. Man findet seinen Frieden damit. Weil man gemeinsam über die Mauer schauen kann und Hoffnung am Horizont sehen kann. Wie die Giraffe und der Hund. Es geht anschließend aber auch darum diesen Augenblick zu genießen und nicht zu vergessen der nächsten Person an der Mauer den Anblick des Horizonts zu ermöglichen. In dem man ihr einfach die Hand reicht.

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